Masse und Muse

- Sie hielt sich 59 Jahre. 18 000 Exemplare wurden unters Publikum gebracht. Unzählige Artikel bestimmten den Geschmack der Zeit. Trotz aller politischen Extrempositionen blieb diese Zeitschrift ein Blatt für das Volk. "Die Kunst für alle" trug ihren Titel gleichsam als großes Programm und wollte hauptsächlich eines: der breiten Masse die Muse näher bringen. Genau das gleiche will jetzt die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst.

 Reproduktionen, Originale und vor allem die Werke, die diskutiert wurden, geben einen Überblick über die malerischen Strömungen. Dass die Zeitschrift dabei die schwierigen Zeiten von 1885 bis 1944 überlebte, lag wohl an einer gemäßigten Position, die sich der großen Namen von Stuck bis Uhde bediente. Sie alle geben sich nun wieder ein Stelldichein. Nur eines findet sich weder auf Papier noch Leinwand: Die Avantgarde hatte in diesem weit aufgeschlagenen Kapitel der gutbürgerlichen Kunst keinen Platz.

Wenn man heute die Zeit nach 1900 charakterisiert, fallen Schlagworte wie Expressionismus, Kubismus, Futurismus, man denkt an die Brücke oder Kandinsky und den Blauen Reiter, an den Aufbruch in die Abstraktion. "Die Kunst für alle" aber ignorierte das Gegenstandslose, das Philosophische. Die Richtlinie war vielmehr der leicht verständliche Gegenstand, eine gut deutsche Linie, die der NS-Propaganda teils verdächtig nahe kam. Die Begriffe des guten Deutschen, des Nationalen gehen aber zurück bis ins 19. Jahrhundert und wurden erst später von Hitler übernommen. Insofern ist die populäre Mittelstellung der Zeitschrift des Verlagsgründers Bruckmann heute durchaus eine, die zum Luftholen, zum Erstaunen und Umdenken bewegt.

Dass der Bruckmann-Clan später Hitler nahestand, ist eine Sache. Dass nach Chefredakteur Friedrich Pecht (1885-1903) die beiden moderneren Köpfe Friedrich Schwartz (1903-14) und Paul Kirchgraber (1914-44) die Regie übernahmen und damit gefürchtete Kritiker Platz in der Gazette fanden, zeugt von einer anderen Denkweise. So wurden zwar Bilder aus Hitlers "Großer Kunstausstellung" beachtet, nicht aber die Präsentation der "Entarteten". Secession und Impressionisten fanden neben Herkömmlichem ihre Berücksichtigung. Die Meinung der Kritiker war dabei nicht unumstritten: Gabriel von Max formulierte das in seinem "Kränzchen" um 1889 meisterhaft. Der Affenreigen neben einem fragwürdigen Luxusbild zeigt arrogant-herablassende, stupid betrachtende und enthusiastische Züge.

Religiöses wie Fritz von Uhdes volksnahe Bibelszenen, immer wieder der Frauenakt, glorifizierende Bauernszenen eines Defregger, blitzsaubere, germanisch-mythologisch angehauchte Bauernmädchen von Adolf Wissel, neusachlich nüchterne Selbstbetrachtungen eines Max Unold verkörpern das Deutschtum, das auch nach Hitlers Machtergreifung Maxime bleiben sollte. Das "Volksopfer" im Napoleonkrieg von Arthur Kampf darf als weiterführendes Beispiel gelten. Gegensatz dazu ist Sascha Schneiders "Vision des Propheten Ezechiel", die in der Manier eines Stuck eine freche, symbolschwangere Linie vertritt. Die Bandbreite der Darstellungen wird dennoch kanalisiert, weil die Ausstellung zeigt, was als Postkarten die Mehrheit erreichte - Akte, Kriegsbilder, Bismarck.

Bis 3. September, Katalog frei zugänglich unter www.arthistoricum.de; Telefon: 089/ 21 12 71 13.

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