Matadoren im Literaturzirkus

- Geschwärzte Passagen in Büchern, ihre Autoren vor Gericht - viel Aufruhr derzeit um die gewöhnlichste Art dichterischen Arbeitens. Hauptsache, das Medium Buch erfährt genügend Aufmerksamkeit, so sieht es Rosemarie von dem Knesebeck. Als Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern bewirbt sie ihre Produkte freilich weniger reißerisch, dafür umso glamouröser: mit dem Internationalen Buchpreis Corine, benannt nach dem lesenden Figürchen des Rokoko-Bildhauers Bustelli aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, finanziert von Bayerischer Staatskanzlei, Bayerischem Rundfunk, Heyne Verlag, HypoVereinsbank und Verlagsgruppe Weltbild.

<P>Doch handelt es sich bei den Schriftstellern, die BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs anlässlich der gestrigen Preisverleihung generös ins Rampenlicht stellte, bei weitem nicht um solche, die sich "hinter den Buchdeckeln ihrer Werke verstecken". Donna Leon, Spezialistin für venezianische Verbrechen, und Nadine Gordimer, Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 1991, sind es durchaus gewöhnt, sich im Licht der Berühmtheit zu sonnen. Ken Follett, quasi Platzhalter auf den Bestsellerlisten, liegt mehr das britische Understatement: "Es dauert so lange und war so schwierig, ein Millionenpublikum zu bekommen. Man fragt mich, ob es nicht langweilig und normal sei, Bestseller zu schreiben. Nein! Ich finde es jedes Mal ganz großartig!", und er legt ein bisschen zu viel Dankbarkeit in seine Stimme.</P><P>In diesen drei Matadoren des Literaturzirkus' vereint sich in idealer Weise das, was die Veranstalter auszeichnen: literarische Qualität sowie gute Verkäuflichkeit. Staatsminister Erwin Huber nimmt kein Blatt vor den Mund: "Gerade in der Vorweihnachtszeit wollen wir dem engagierten Buchkäufer mit der Corine einen Hinweis geben." "Unbesehen" könnten diese schenken, was den Corine-Aufkleber trägt. Von solchen Äußerlichkeiten ließ sich offenbar die Jury leiten, die sich um Begründungen wenig schert. Nina Hagen wird ausgezeichnet, weil sie zusammen mit Marcel Feige ein Sachbuch über sich selbst geschrieben hat.</P><P>Jugendbuchautorin Cornelia Funke vor allem, weil ihr "Herr der Diebe" sogar in den USA verlegt und derzeit in Hollywood verfilmt wird. Und selbst bei Inge und Walter Jens wird schlicht die Tatsache gewürdigt, dass die beiden "Frau Thomas Mann" porträtiert haben. </P><P>Was die Qualität nun ausmacht, hält niemand für erwähnenswert. Umso geglückter die Entscheidung des Heyne Verlags, den jungen Jonathan Safran Foer für ein "schelmenhaft leichtes und literarisch ernstes" Debüt mit dem Rolf Heyne Preis zu ehren. Und auch die HypoVereinsbank begründet ihre Auswahl Hans-Olaf Henkels: Er weise in seinem Buch "Die Ethik des Erfolgs" nach, wie sehr der deutsche Irrglaube, "dass Erfolg und Moral sich bekämpfen müssen, unser Bewusstsein für neues Denken und Handeln blockiert".</P><P>Im Sinne der berühmten verlegerischen Mischkalkulation profitieren natürlich die weniger gut verkäuflichen Autoren davon, wenn die Bestseller zu Supersellern werden und der BR mit der Corine-Gala (Samstag, 20.15 Uhr auf BR 3 und Sonntag, 11 Uhr auf 3sat) auch hartgesottenen Nichtlesern Lust auf Bücher macht. </P>

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