Mit dem Material des Meisters

- Vielleicht hält die Musikwelt Fragmente einfach nicht aus. Mahlers Zehnte entging der "Vervollständigung" nicht, auch nicht Bruckners Neunte. Bei Schuberts h-moll-Symphonie wird von einer "höheren Vollendung" geraunt, Mozarts "Requiem" existiert nur mittels instrumentaler Ergänzungen. Aktuelles Beispiel in dieser Reihe: Mozarts c-moll-Messe, die er aus ungeklärten Umständen beiseite legte, immerhin aber 50 Minuten Musik hinterließ.

Dank des Musikwissenschaftlers Robert D. Levin und unter Mithilfe von Dirigent Helmuth Rilling ist das Stück nun auf 80 Minuten gewachsen. Rillings CD dokumentiert diese Anstrengung, die dann doch Problematisches birgt. Levin benutzte für seine neuen Nummern unter anderem Material aus Mozarts "Davide penitente" (der Musik der c-moll-Messe enthält), zerteilte dazu eine Arie, um zwei neue zu gewinnen und fügte in die "Gloria"-Fuge eine - so nie vorgesehene - Soli-Passage ein. Manches verfasste Levin auf Basis von Mozarts hinterlassenen Noten, manchmal auch Eigenes im Stile des Meisters - wobei zum Beispiel die "Crucifixus"-Fuge durch falsche Wort- und Bedeutungshervorhebungen irritiert. Die ursprünglich konzipierte Größe des Werks wird dennoch erahnbar, das ein Bindeglied zwischen Bachs h-moll-Messe und Beethovens Missa solemnis darstellt.

Rillings kraftvolle, fast protestantisch strenge und transparente Deutung entschädigt für viele Bedenken, auch das große Engagement der Gächinger Kantorei, des Stuttgarter Bach-Collegiums und der Solisten Diana Damrau und Juliane Banse. Alles also eine wissenschaftliche Notwendigkeit - oder doch eher ein Verkaufsschlager zum Mozart-Jahr?

Wolfgang Amadeus Mozart:  Messe in c-moll. Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling (hänssler).

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