+
Mathias Richling, der Schwabe, ist gerade mit seinem aktuellen Programm "Richling spielt Richling" auf Tournee – und kommt nach München.

Im Interview mit dem Münchner Merkur

Mathias Richling: Politiker reden immer alles schön

  • schließen

München - Kabarettist Mathias Richling spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über sein Programm, das er am Montag in München spielt und über Politikerverdrossenheit.

Er ist das Chamäleon der deutschen Kabarettszene – Mathias Richling. Bis zur Verwechselbarkeit verwandelt sich der 62-Jährige in die führenden Politiker und Politikerinnen, karikiert ihre Art zu reden und legt ihnen dabei so manche Bosheit in den Mund. Derzeit ist der Schwabe, der zwischen 2003 und 2008 zur Stammbesetzung des ARD-„Scheibenwischer“ gehörte und seit vielen Jahren im SWR-Fernsehen die „Mathias Richling Show“ präsentiert, mit seinem aktuellen Programm „Richling spielt Richling“ auf Tournee – und kommt nach München.

Was erwartet das Publikum in „Richling spielt Richling“?

War früher alles besser? Hat uns Helmut Kohl mehr angelogen als Angela Merkel – oder weniger ? Hat uns Theo Waigel andere Märchen erzählt als Wolfgang Schäuble? Wir vergleichen gemeinsam Vergangenheit und Gegenwart und merken, dass sich nichts geändert hat. Die Dinge wiederholen sich auf frappierende Weise. Eine Diskussion über das Kopftuch musste Johannes Rau schon vor vielen Jahren führen, und die Finanzkrise, mit der sich Horst Köhler einst beschäftigt hat, ist heute aktueller denn je.

Um dieses Programm zu schreiben, haben Sie vermutlich wochenlang im Archiv gewühlt...

An das meiste kann ich mich auch so erinnern. (Lacht.) Ich recherchiere sowieso den ganzen Tag, das ist mir nicht fremd. Beim Schreiben geht es mir oft so, dass mir vieles wieder einfällt.

Das wesentliche Stilmittel Ihrer Kunst ist die Politikerparodie – befürchten Sie nicht, dass über das Gelächter über Sprache, Mimik, Gestik und Kostüm der Inhalt überhört wird?

Doch! (Lacht.) Deswegen muss man aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen der Bühnen- und der Fernseharbeit. Auf der Bühne finden diese Verkleidungen nicht statt. Die Maske im Fernsehen dient dazu, im Zeitalter des Zappings den Leuten sehr schnell klar zu machen: Ach, das ist ja der und der! Auf der Bühne habe ich mehr Zeit, eine Figur zu erspielen. Andererseits bietet mir die Verwandlung in einen Politiker, die Möglichkeit, viel drastischere Formulierungen zu verwenden, als wenn ich als ich selbst spreche.

Mathias Richling: "Missverstanden werden kann man immer"

Beispiel?

Da muss ich kurz überlegen – Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier war ja jetzt in Riad bei den Saudis. Und wenn ich ihn sagen lasse, dass es ja ganz gut ist für uns, Waffen in alle Welt zu exportieren, weil dann endlich einmal andere mit deutschen Waffen in der Hand schuldig werden und wir Deutschen dann nicht mehr die einzigen großen Verbrecher sind in der Welt, dann ist das weniger verstörend, als wenn ich so einen Satz als Mathias Richling sage.

Ihre Gaucks, Merkels, Schäubles, von der Leyens sind im Wortsinne lächerliche Figuren – haben Sie keine Angst, dass Sie Applaus vor allem von denen bekommen, die sowieso alle Politiker für unfähig halten?

Missverstanden werden kann man immer, aber ich lasse doch auch erkennen, dass es Politiker gibt, die ich trotz aller Kritik als Person schätze. Ich denke da an den kürzlich verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt, dessen Figur ich verwendet habe, um Aussagen über die Demokratie und den Rechtsstaat zu formulieren und sie zu überspitzen. Aber nicht um ihn, sondern um die Gesellschaft bloßzustellen.

Neuerdings gelten Politiker bei vielen Bürgern sogar als „Volksverräter“, die man bei Demonstrationen symbolisch an den Galgen hängt.

Na ja, der Galgen ist ein spektakuläres Bild, das bei jeder Debatte wieder rausgeholt wird. Dadurch kriegt dieses lokale Ereignis aus Dresden eine Präsenz, die es nicht verdient hat. Dass sich andererseits Hunderttausende Tag für Tag für Flüchtlinge einsetzen, wird selten berichtet. Davon abgesehen kann, ja muss man das alles auch satirisch sehen. Ich lasse Frau Petry sagen: „Das ist alles ein Missverständnis, hing nicht auch Christus am Galgen, am Kreuz? Pegida setzt Angela Merkel nur mit Jesus gleich!“

Sie sehen keine Krise der Demokratie?

Schauen Sie, die AfD hat in Umfragen derzeit zwölf Prozent – wir hatten in Baden-Württemberg in den Neunzigern in zwei Legislaturperioden die Republikaner mit 15 Prozent im Landtag sitzen. Glauben Sie, dass die harmloser waren als heute die AfD oder Pegida? Bestimmt nicht! Demoskopen wissen seit 50 Jahren, dass es in Deutschland, übrigens genau wie in Frankreich, ein rechtsradikales Potenzial gibt von etwa 14 Prozent. Das war bei uns schwerer zu aktivieren wegen unserer Geschichte, aber inzwischen ist das „Dritte Reich“ 70 Jahre vorbei, den Jüngeren gehen Begriffe wie „Volksverräter“ heute leichter von den Lippen als vielleicht noch vor 20 Jahren.

Mathias Richling: "Eine gewisse Grundunzufriedenheit gab es immer"

Viele Bürger, so scheint es, betrachten sämtliche etablierten Parteien als nicht mehr wählbar.

Das ist nichts Neues, eine gewisse Grundunzufriedenheit gab es immer. Man sieht an Leuten wie Helmut Schmidt, dass die Politiker am anerkanntesten sind, die den Wählern nicht nach dem Mund reden. Die Wähler möchten wissen, was los ist. Das ist die Beliebtheitsgarantie. Dass Politiker das nicht kapieren und trotzdem immer alles schönreden, habe ich bis heute nicht begriffen.

Ihr Kollege Dieter Nuhr sagt, die meisten Kabarettisten verstünden sich als links, weshalb sie für gewisse Themen blind seien, beispielsweise für Kritik an Islam und Islamismus.

Damit kann er mich nicht gemeint haben, ich habe mich immer mit jedem Thema beschäftigt, auch mit Religion. Ich weiß schon, dass Dieter Nuhr für seine Äußerungen zum Islam mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, islamophob zu sein. Es kommt immer darauf an, wie man so etwas präsentiert. Dieter Nuhr steht ja als er selbst auf der Bühne, dann kann er auch eins zu eins mit seinen Äußerungen identifiziert werden. Wenn ich denselben Text in einer Figur spielen würde, gäbe es vermutlich weniger Proteste. Vielleicht, weil die Zuschauer dann erst am nächsten Tag merken, womit sie nicht einverstanden sind.

Sind „links“ und „rechts“ also keine Kategorien für Kabarettisten?

Kann schon sein, dass man spürt, wo ich stehe, aber ich würde doch niemals auf der Bühne Wahlkampf machen oder gar Wahlempfehlungen geben. Und außerdem – was ist denn bitteschön links? Was wir früher als links bezeichnet haben, die SPD, später dann die Grünen und die Linke – da findet man ja so manche rechte Position, die es nicht einmal bei der CDU gibt. Entsprechend findet man auch linke Positionen bei der CDU. Wenn ich mich an den Regierungswechsel des Jahres 1998 erinnere, den Wechsel von Kohl zu Schröder – da saßen plötzlich Leute in der Regierung, die wie FDP-ler aussahen, dabei hatten die Grünen nur  deren  Anzüge aufgetragen! Und wie entschlossen Schröder doch Kohls Politik fortsetzte.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Info zum Programm von Mathias Richling

Mathias Richling spielt sein Programm am Montag um 20 Uhr im Münchner Prinzregententheater, Karten unter Telefon: 089/ 54 81 81 81.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare