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Eine Frau, die weiß, was sie will – und was nicht. Die gebürtige Bayerin Eva Mattes blickt uneitel auf ihr Leben in „Wir können nicht alle wie Berta sein“ zurück.

Eva Mattes - Biografie einer leidenschaftlich Liebenden

München - Eva Mattes, die viele als Tatort-Komissarin Blum kennen, hat ihre Autobiografie veröffentlicht. Ihr uneitler, im besten Sinn naiver Blick auf sich und ihren Beruf machen ihr Buch so lesenswert. Aber auch die Erinnerungen einer leidenschaftlich Liebenden.

Als der Neue Deutsche Film Papas Kino in den Siebzigerjahren in die Mottenkiste verbannte, war Eva Mattes als Teenager ganz vorne dabei. Bis zu Peter Zadeks Tod war sie unverzichtbarer Bestandteil seiner Theaterfamilie, und als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum eroberte sie Deutschlands Wohnzimmer. Jetzt hat die Ausnahmeschauspielerin, die seit dieser Spielzeit zu Martin Ku(s)ejs Ensemble am Bayerischen Staatsschauspiel gehört, ihre Autobiografie veröffentlicht.

„Wir können nicht alle wie Berta sein“ hebt sich wohltuend von der selbstverliebten Geschwätzigkeit der gängigen Memoirenliteratur ab. Aber wer ist diese Berta? Erst spät lüftet Mattes das Geheimnis. Der Satz ist ihr Lieblingszitat aus Ibsens „Wildente“. Berta ist eine Figur, von der alle anderen sprechen, die der Zuschauer aber nicht zu Gesicht bekommt. Sinnbild für Perfektion. Mattes antwortet mit dem Satz, der jetzt ihr Buchtitel wurde, immer dann, „wenn mich jemand nicht so haben will, wie ich bin“.

1954 in Tegernsee geboren, wuchs Mattes in München als Tochter der Ufa-Schauspielerin Margit Symo, einer gebürtigen Ungarin, und des Filmkomponisten Willy Mattes auf. Ihre Kindheit war geprägt von der Scheidung der Eltern. Symo, die bei Mattes’ Geburt bereits über 40 Jahre alt war, hatte ihre großen Jahre hinter sich und musste um Rollen kämpfen. Momente der Geborgenheit erfuhr Mattes am ehesten dann, wenn Kollegen und Freunde ihrer Mutter zu Besuch waren und bis tief in die Nacht tranken und erzählten. So suchte sie ihre Heimat auf der Bühne.

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Mit erstaunlicher Verve verfolgte das pummelige Mädchen mit dem leichten Sprachfehler seinen Berufswunsch. 1967 debütierte sie an der Münchner Kleinen Komödie in einem Boulevardstück. Erste Fernsehrollen folgten, „Evi“ Mattes lieh als Synchronsprecherin Pippi Langstrumpf und dem Jungen Timmy in „Lassie“ ihre Stimme. Ein Weg als Kinderstar schien vorgezeichnet. Doch Mattes hatte schon damals ein untrügliches Gespür für Niveau, das sie ihre ganze Karriere über nicht verloren hat und das sie an die Spitze des deutschen Films und Theaters führen sollte. Ihr Ziel schon als 15-Jährige: „Nicht in der Münchner Bussigesellschaft auftauchen, sondern mit richtig guten Leuten richtig gut arbeiten.“

Deshalb scheute sie vor dem schwierigen Part des von GIs vergewaltigten und ermordeten vietnamesischen Mädchens Phan Thi Mao in Michael Verhoevens Film „o.k.“ nicht zurück und fand sich mitten im größten Skandal in der Geschichte der Berlinale wieder. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg missfiel dem Hollywoodregisseur und Jurypräsidenten George Stevens derart, dass er den Film aus dem Wettbewerb werfen wollte. Die Filmfestspiele 1970 wurden abgebrochen. Rainer Werner Fassbinder war auf Mattes aufmerksam geworden und besetzte sie in seiner Kroetz-Verfilmung „Wildwechsel“. Später drehte er mit ihr Meilensteine des deutschen Kinos wie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ und „In einem Jahr mit 13 Monden“.

Ohne jemals eine Schauspielschule besucht zu haben, setzte sich Mattes in der Uraufführung von Kroetz’ „Stallerhof“ im Hamburger Schauspielhaus als Theaterschauspielerin durch. 17 Jahre war sie alt, als sie als geistig zurückgebliebene Beppi völlig nackt auf der Bühne stand. Mattes gehört zu den wenigen deutschen Schauspielerinnen, die Grenzerfahrungen suchen. Für eine ihrer großartigsten Filmszenen als junge Prostituierte in Roland Klicks „Supermarkt“ (1974) betrank sie sich hemmungslos – bis sie nicht mehr stehen konnte – und lag als lallendes Häufchen Elend auf der Reeperbahn. In Amerika nennt man so etwas „Method Acting“. Eva Mattes macht es einfach.

Bezeichnend ist dabei, dass sie trotz aller Erfolge ihr todesangstähnliches Lampenfieber nie verloren hat. Ihr uneitler, im besten Sinn naiver Blick auf sich und ihren Beruf machen ihr Buch so lesenswert. Es sind auch die Erinnerungen einer leidenschaftlich Liebenden. Selten findet man in einer Autobiografie derart warmherzige Schilderungen von Kollegen, Weg- und Lebensgefährten, darunter Werner Herzog, Vater ihrer ältesten Tochter. Peter Zadek, ihr Leib- und Magenregisseur, hat das Phänomen Mattes einmal auf den Punkt gebracht: „Eva glüht.“

Von Albert Meisl

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