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Lädt zum Abschied ins Münchner Olympiastadion: Matthias Lilienthal.

Zum Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen

Lilienthal: „Wir haben die Stadt verführt“

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Ende Juli endet die Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen. Wir haben mit dem 60-Jährigen über seinen Abschied aus München gesprochen. 

Als Matthias Lilienthal 2015 an der städtischen Bühne anfing, war der Aufschrei in Teilen des Publikums und der Politik groß – die Auslastung rauschte in den Keller. Der Intendant gab 2018 bekannt, keine Verlängerung seines Vertrags anzustreben. In den vergangenen zwei Spielzeiten änderte sich dann das Bild; die Kammerspiele lockten wieder mehr Menschen an: In der laufenden Saison lag die Auslastung nach Angaben des Hauses bei 85 Prozent. Dann kam Corona. Die Pandemie ist auch der Grund, weshalb wir das Abschiedsinterview via Videokonferenz geführt haben.

Wie groß ist Ihre Wut auf Corona, weil das Virus das Finale Ihrer Intendanz verhagelt?

Matthias Lilienthal: Das ist mir wurscht. Corona ist eine viel zu gefährliche Krankheit, als dass ich in diesem Zusammenhang über unser Finale an den Kammerspielen nachdenke. Unser Ziel ist, dass alle Leute unbeschadet durch die Krise kommen. Und ich mache drei Kreuze, wenn im Sommer nächsten Jahres weiterhin niemand von den Kammerspielen infiziert war und kein Mensch zu Tode gekommen ist. Dann bin ich glücklich, und dann tut es mir null leid um ein verpasstes Finale. Es ist die zweite Pandemie meines Lebens – bei der ersten sind deutlich mehr Menschen in meinem Umfeld gestorben.

Was war die erste?

Matthias Lilienthal: Aids. Ich habe damals in der Schweiz gearbeitet, wo es schlimmer war als in Deutschland. Dort sind enge Freunde von mir gestorben – vor der Wiederholung dessen habe ich jetzt Schiss. Mein Abschied aus München ist dagegen egal. Die Intendanz ist sowieso legendär...

Inwiefern?

Matthias Lilienthal: Sie war anders als jede andere in den vergangenen 50 Jahren. Und daran kann Corona nichts ändern.

Sind Sie so kurz vor dem Abschied in München angekommen?

Matthias Lilienthal: Es gibt jetzt die hemmungslose, bedingungslose Liebe zwischen dem Publikum und den Kammerspielen. Ich finde diese Entwicklung eine Sensation: Ein inhaltlich, ästhetisch sehr forderndes Programm trifft auf 85 Prozent Platzauslastung – uns ist es gelungen, die Stadt zu verführen!

In unserem Gespräch zu Beginn Ihrer Intendanz haben Sie gesagt, Stadttheater, das relevant sein wolle, müsse mit der Stadtgesellschaft kommunizieren. In den ersten Jahren war diese Kommunikation nicht von Liebe geprägt.

Matthias Lilienthal: Nein, sie war von Abstoßungsreaktionen gekennzeichnet. Das ist aber eine normale Adaptionsweise von Menschen, dass sie zunächst mal sagen, was sie nicht mögen – um es sich so anzueignen. Das ist ein legitimer Weg.

Sie haben damals den Stadtpolitikern erklärt, es werde mit Ihrer Intendanz „Blut, Schweiß und Tränen“ geben. Sie haben Ihr Wort gehalten...

Matthias Lilienthal: Ich halte immer mein Wort.

Sie haben keine Verlängerung Ihres Vertrags angestrebt. Bereuen Sie das mit Blick auf die letzten beiden Spielzeiten, die gut gelaufen sind?

Matthias Lilienthal: Bevor ich nach München gekommen bin, hatte ich nur Drei-Jahres-Verträge – mir waren fünf Jahre eigentlich zu lang. Ich bin immer davon ausgegangen, wenn man sich heiß und innig liebt, wird man verlängern. Und wenn die Liebe flöten gegangen ist, sind drei Jahre eine Zeit, die lange genug ist. Die fünf Jahre hatten alle Höhen und Tiefen.

Gar keine Wehmut?

Matthias Lilienthal: Klar hätte ich Lust, mit dem Ensemble den Lauf fortzusetzen, den wir in der vierten und fünften Spielzeit hatten. Aber man soll eben bestimmte Dinge beenden, wenn sie am schönsten sind.

Was hat sich in den fünf Jahren mehr verändert? Die Kammerspiele oder ihr Publikum?

Matthias Lilienthal:Das müssen Außenstehende beurteilen. Das Theater und das Publikum sind zusammen einen Weg gegangen.

War einer der Wendepunkte in der Beziehung des Publikums zum Haus die Premiere des zehn Stunden langen Antikenspektakels „Dionysos Stadt“?

Matthias Lilienthal: Ganz sicher. Ich bin vor allem auf die Regie, das Ensemble und die Produzentenleistung bei „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping sehr stolz. Denn Ende der dritten Spielzeit war das Theater schlecht besucht, die Akzeptanz in der öffentlichen Meinung war kompliziert. Es ist mutig, in dieser Lage zu sagen: Wir machen zehn Stunden Theater, für die 120 Leute hinter der Bühne arbeiten müssen. Hätten dann nur 60 Menschen im Zuschauerraum gesessen, wäre es ganz bitter geworden. Ich glaube, die Einstellung, dass wir einfach machen, worauf wir Lust haben, in der Hoffnung, das Publikum mitzuziehen, hat die Wende gebracht. Es ist dabei die Inszenierung des Jahrzehnts entstanden.

Haben Sie Fehler gemacht?

Matthias Lilienthal: Das müssen doch Sie als Kritiker beurteilen, nicht ich.

Was haben Sie erreicht?

Matthias Lilienthal: Was wir erreicht haben, ist eine totale Verjüngung des Publikums. Was wir erreicht haben, ist eine Akzeptanz von völlig anderen Spielstilen. Was wir erreicht haben, ist eine Hybridisierung des Theaters, bei dem internationale Theatermacher, freie Gruppen und Stadttheater ein Gemisch ergeben, das nicht mehr auseinanderzuhalten ist. Und was wir erreicht haben, ist, die Kammerspiele als ein politisches Theater neu auf die Tagesordnung zu setzen.

Sie haben sich stets sehr deutlich positioniert.

Matthias Lilienthal: Das habe ich immer in meinem Leben getan. An Castorfs Volksbühne war es die Auseinandersetzung um die Wiedervereinigung; am HAU (das Berliner Theater Hebbel am Ufer; Anm. d. Red.)   war es die Auseinandersetzung um Migration, und hier in München musste ich einfach nur so sein, wie ich bin – und schon war ich politisch.

Ging es am Anfang zu sehr um Ihren Stil, um Ihre Klamotten und das, was Sie wann wie gesagt haben, als um das, was auf der Bühne geschah?

Matthias Lilienthal: In allen Interviews habe ich immer unglaublich freundlich, zugewandt und werbend gesprochen. Ich habe eigentlich überhaupt nicht polarisiert. Bei den Klamotten kann man mir natürlich vorwerfen, dass ich den Ärger nicht an der Hacke gehabt hätte, wenn ich die Etikette bedient hätte. Kann sein. Aber ich bin eben so, wie ich bin.

Mit welchem Gefühl verlassen Sie die Stadt?

Matthias Lilienthal: Mit Lust auf Neues.

Wie wird das aussehen? Das Festival in Beirut, das Sie machen wollten, ist abgesagt.

Matthias Lilienthal: Ja. Aber wir arbeiten mit dem Künstlerhaus Mousonturm an einem Antrag für ein libanesisches Kulturfestival in Frankfurt. Die Situation im Libanon ist so katastrophal, dass ich einen großen Ansporn habe, etwas auf die Beine zu stellen.

Sie verabschieden sich im Olympiastadion, wo im Sommer zum Beispiel Guns N’ Roses hätten spielen sollen. Sind Sie der letzte Rock’n’Roller unter den Intendanten?

Matthias Lilienthal: Ich finde den Gedanken interessant, dass alle Produktionshäuser und Bühnen in Deutschland geschlossen sind – und die Theater deshalb überall die Sportstätten und Arenen beziehen, um unter freiem Himmel doch noch spielen zu können.

Warum fiel die Wahl aufs Olympiastadion?

Matthias Lilienthal: Das wäre einer der Orte für die Inszenierung von „Olympia 2666“ nach Roberto Bolaños Roman gewesen. Da gibt es eine fertige Arbeit von Toshiki Okada für die VIP-Lounge. Die hat mich so bestochen, dass wir in Kooperation mit Toshiki unbedingt im Münchner Olympiastadion die Olympischen Spiele von Tokio eröffnen möchten.

Was war Ihre Lieblings-Inszenierung in den vergangenen fünf Jahren?

Matthias Lilienthal: Das war neben „Dionysos Stadt“ eine, die zuschauertechnisch gar nicht gut gelaufen ist: Philippe Quesnes „Farm Fatale“. Da geht es um fünf Vogelscheuchen, die ihre Arbeit verloren haben, weil es keine Vögel mehr gibt. Für mich ist das die Produktion zum Klimawandel.

Was wünschen Sie den Kammerspielen?

Matthias Lilienthal: Das Allerbeste. Barbara Mundel (Lilienthals Nachfolgerin von der Spielzeit 20/21 an; Anm. d. Red.)   ist eine wunderbare Theatermacherin und wird das ganz, ganz anders machen als wir.

Was wünschen Sie sich selbst für die Zukunft?

Matthias Lilienthal: Eine große Halle, zehn Millionen Euro im Jahr und eine Stadt, die sagt: Du kannst machen, was du möchtest. Ich will mich gar nicht mehr entscheiden müssen, ob das Bildende Kunst, Film oder Theater ist, was wir zeigen.

Wenn Sie heute nochmals als Intendant in München anfangen würden – was würden Sie anders machen?

Matthias Lilienthal: Ich mache nie etwas anders im Leben.

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