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„Er wird unvergessen bleiben“, teilte das ZDF zum Tod von Max Greger mit.

Zum Tod der Musiklegende

Max Greger (✝89): Der Weltstar aus München

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München - Vor fünf Wochen gab er noch ein Konzert: Max Greger, die Swing- und Jazz-Legende, zeigte in München wieder einmal, dass er ein ganz Großer ist. Nun ist der Musiker mit 89 Jahren gestorben – er hinterlässt so viel mehr als seine berühmte Sportstudio-Melodie.

Max Greger war einer dieser Menschen, die jeder kannte, auch wenn einem der Name erst mal nichts sagte. Die Titelmelodie des „Aktuellen Sportstudios“ des ZDF nämlich, die nun wirklich jeder wiedererkennt, die war von Max Greger.

Nun hätte das einen Musiker, der sein Leben lang sehr produktiv war, furchtbar fuchsen können – immer nur auf einen nicht einmal 30-sekündigen Fetzen Melodie reduziert zu werden. Aber Max Greger hat das nie gegrämt. Im Gegenteil, er war sehr stolz darauf. Damals, als er am 19. Juni 1965 das Stück „Up to date“ bei Wim Thoelke erstmals vorstellte. Und bis ganz zum Schluss. Das Stück spielte er bei jedem Konzert. Er hatte es nicht komponiert, aber so unverkennbar schmissig arrangiert, dass das Lied letztlich ihm gehörte. Vermutlich gibt es keine andere Fernsehsendung, die seit 50 Jahren die gleiche Kennmelodie verwendet. Auf jeden Fall nicht in Deutschland.

Max Greger spielte mit Louis Armstrong und Duke Ellington

Vielleicht lag es auch am Naturell von Max Greger, dass viele sein Leben lang nicht erkannten, dass er ein Großer war. Greger war ein durch und durch bodenständiger, jovialer Typ, dem es Freude machte, für Menschen zu spielen. Kein Hauch von Künstler-Gewese oder Starallüren. Das mag manchen dazu verleitet haben, in Greger eine Art bajuwarischen Grüß-Gott-Onkel des Swing zu sehen. Nichts könnte falscher sein. Denn Greger war einer der wenigen echten Weltstars der deutschen Jazzszene. Er hat mit Louis Armstrong gespielt, mit Ella Fitzgerald, Count Basie und Duke Ellington, um nur mal die Bekanntesten zu nennen. Und er war Teil einer weltweiten Elite, was vielen gar nicht so recht bewusst war, weil Greger in Deutschland vorzugsweise mit Schlagern und Tanzmusik Erfolg hatte.

Max Greger, am 2. April 1926 im Münchner Arbeiterviertel Giesing geboren, war schon als Jugendlicher Feuer und Flamme für Jazz. Zu einer Zeit, in der man das besser nicht laut aussprach, weil das „Feindesmusik“ war. Aber für Greger stand schon früh fest: Er würde Musiker werden und nicht die Metzgerei der Eltern übernehmen. Er lernte am Konservatorium in München Klarinette und Saxophon. Mit 18 war damit erst mal Schluss, er wurde zum Kriegseinsatz eingezogen. Doch kaum war der Krieg vorbei, strawanzte Greger wieder durch München – und hatte unsagbares Glück, dass Bayern Teil der US-Besatzungszone war. Die amerikanischen Soldaten waren verrückt nach Swing und Jazz, und jeder Musiker, der das ein wenig beherrschte, durfte in den Clubs und Casinos der US-Armee spielen.

Aus heutiger Sicht ist die Begeisterung der jungen Musiker kaum zu begreifen, aber Jazz war damals der Klang der Freiheit, eines neuen Lebens. Man hatte den Krieg überlebt, die Nazi-Diktatur überstanden und wurde für das bezahlt, was man ohnehin gerne tat: Musik machen. Damals übrigens trat Greger gelegentlich schon mit Hugo Strasser auf, eine musikalische und persönliche Freundschaft, die ein Leben lang halten sollte.

1948 gründete Greger sein eigenes Sextett und war seitdem „Bandleader“. Für jeden Swing-Musiker der Traumberuf. Greger und seine Kumpanen hatten es drauf, das sprach sich schnell rum. Handwerklich musste man damals etwas bieten können, das amerikanische Publikum war von zuhause Weltklasse gewohnt. Im frisch gegründeten Bayerischen Rundfunk trat Greger auch auf, aber Jazz durfte er da nicht spielen. Volkstümliches sollte es sein und auch das konnte Greger. Ein Türöffner, er durfte bald Platten aufnehmen und erwies sich als Mehrzweckwaffe: Mit leichter Hand komponierte Greger jazzig angehauchte Schlager und Unterhaltungsmusik. Schon 1959 schrieb er Musikgeschichte: Mit seiner Band durfte er durch die Sowjetunion touren, als erste westliche Combo seit 35 Jahren. Im Schlepptau: ein gewisser Udo Jürgens.

Mit den Konzerten hinter dem Eisernen Vorhang erregte Greger die Aufmerksamkeit internationaler Kollegen. Während er sich bei seinen Kollegen mit feinstem Jazz Respekt erspielte, lieferte er in Deutschland den Soundtrack zum ersten Lockermachen der Wirtschaftswundergeneration. Mit Hits wie „Teenager Cha Cha“ oder „Rock’n’Roll Boogie“ wurden die Bundesbürger ein ganz klein wenig entkrampft. Gemeinsam mit Paul Kuhn und später James Last gebührt Greger das Verdienst, ein bisschen ungehemmten Hedonismus in das Land getragen zu haben, ohne den es bei aller Arbeitsethik ja auch nicht geht.

1963 wurde Greger endgültig eine deutsche Institution: Er wurde (und blieb es bis 1977) fester musikalischer Bandleader des neu gegründeten ZDF. Es war die Zeit der großen Unterhaltungsshows für die ganze Familie. „Drei mal Neun“, „Vergißmeinnicht“, Musikrevues, solche Sachen. Immer mittendrin: Max Greger mit seiner Big Band. Gut gelaunt brachte er so viel Swing unter die Leute, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu jener Zeit eben zuließ. Gleichzeitig war sich Greger für nichts zu schade. Wenn es Weihnachtslieder sein sollten, spielte er eben Weihnachtslieder. Oder er begleitete Schlagerbarden. Immer auf sehr hohem Niveau, damals wurde schließlich live gespielt.

Max Greger veröffentlichte rund 150 Platten

Greger hatte immensen Erfolg, rund 150 Platten hat er veröffentlicht und gut 3000 Titel produziert. Dennoch wurde ihm – auch vom Feuilleton – die gebührende Würdigung versagt. Es dauerte lange, bis sich das änderte. Und daran hatte wieder das Fernsehen seinen Anteil.

Denn die Zeit der aufwändigen Shows, Live-Musik und Stars der Unterhaltungsbranche ging zu Ende. Greger hatte immer weniger zu tun, es sah so aus, als würde er in Vergessenheit geraten. Aber 2006 hatte er zu seinem 80. Geburtstag die Idee zu einer „Birthday“-Tour mit seinem alten Kumpanen Hugo Strasser. Noch einmal mit großer Band die Klassiker des Swing und Jazz aufführen, das wollte er sich gönnen.

Die Tour wurde ein triumphaler Erfolg und führte dazu, dass Greger mit wechselnden Gästen (Hugo Strasser war natürlich immer dabei) fortan jedes Frühjahr zu einer Geburtstagstour aufbrach. Die Menschen entdeckten Greger wieder, Swing war auch bei der Jugend gerade in. Mit jedem neuen Konzert dämmerte vielen Kritikern, was für ein Ausnahmekönner dieser Greger ist: als Saxophonist, als Arrangeur und als Entertainer.

Im Herbst wollte Max Greger auf "Abschiedstournee" gehen

Bis zuletzt spielte er sein Instrument virtuos, auch wenn er sich bei den Auftritten zunehmend ein paar Auszeiten gönnte, aber das war ja nun wirklich mehr als legitim. Bis zuletzt war er unterwegs, für diesen Herbst und Winter war noch eine „Abschiedstournee“ mit seinem Sohn, ebenfalls ein Musiker, und Hugo Strasser geplant. Am 13. Juli hatte Greger im Brunnenhof der Münchner Residenz noch ein Konzert gegeben und irgendwie ist es ein schönes Gefühl, dass er sich in seiner Geburtsstadt von seinem Publikum verabschieden durfte.

Mit 89 Jahren erlag Max Greger an Mariä Himmelfahrt seinem Krebsleiden, er starb im Klinikum Harlaching. Jeder, der ihn in den letzten Jahren live erlebt hat, weiß: So einer ist unersetzlich. Und man hofft inständig, dass es einen Jazzhimmel gibt, in dem Greger mit seinen alten Freunden Armstrong, Ellington und Fitzgerald einfach weiter musizieren kann.

Zoran Gojic

Seine letzten Worte: „Ich liebe Dich“

Sie war die Liebe seines Lebens. Und die Letzte, die mit ihm sprach. „Am Mittwoch richtete sich Max im Krankenbett noch einmal auf“, sagt Johanna Greger (86) zur tz. „Er schaute mich an und sagte dann ganz zärtlich ‚Ich liebe Dich‘.“ Es waren seine letzten Worte. Beim letzten Konzert habe er „schon starke Kreuzschmerzen“ gehabt. „Aber mit Spritzen hielt er durch“, sagt Witwe Johanna. Zwei Tage später fuhr der Musiker ins Klinikum Harlaching und ließ sich durchchecken. „Die Ärzte haben viele größere Untersuchungen an ihm durchgeführt“, schildert Johanna Greger. „Dann hat mich der Professor aufgeklärt: Mein Max hat Krebs. Mit etlichen Metastasen. Ich war bestürzt.“ Denn von der tödlichen Krankheit hatte Max Greger selbst nichts geahnt, der Musiker war noch erstaunlich fit. Nach der Diagnose ging es ihm dann immer schlechter, er kam auf die Palliativstation. „Es war furchtbar, Max konnte nicht mehr sprechen und atmete schwer. In der letzten halben Stunde vor seinem Tod habe ich nur noch gebetet, dass er erlöst wird. Um kurz vor 3 Uhr nachts tat er dann seinen letzten Atemzug.“ Nun trauert die ganze Familie gemeinsam. 70 Jahre lang war Johanna Greger mit ihrem Max zusammen, vor drei Jahren feierte das Ehepaar die Diamantene Hochzeit. „Ich habe ihn mein Leben lang geliebt“, sagt die Witwe.

Andreas Thieme

Sein letztes Konzert: „Er wirkte krank“

Am 13. Juli, als Max Greger sein letztes Konzert gab, stand auch sein langjähriger Freund Hugo Strasser (93) auf der Bühne in der Münchner Residenz. „Da war er schon sehr schlecht beieinander“, erinnert sich Strasser. „Max konnte nur mit Mühe alleine auf die Bühne gehen. Man merkte, es geht ihm nicht so gut. Er wirkte angeschlagen und krank.“ Dennoch hielt Greger eisern durch – unter dem Applaus der Zuschauer. Viele spürten aber: Das ist nicht der Max Greger, den sie kennen. „Max war ein Mann wie ein Baum. Er war immer stabil, nichts warf ihn um“, sagt Strasser der tz. „Niemand wusste bei dem Konzert, dass er Krebs im Endstadium hat. Im Nachhinein ist es umso erstaunlicher, dass er dieses eine Mal noch mit mir gespielt hat. Ich bin sehr dankbar dafür und empfinde großen Respekt.“ Seit 1949 waren die Musiker befreundet, spielten zunächst fünf Jahre lang im Max Greger Sextett. Strasser gründete 1955 seine eigene Band, doch der Kontakt zu Greger riss nie ab. In den letzten Jahren standen die beiden wieder gemeinsam auf der Bühne. Mit Jazzlegende und Entertainer Paul Kuhn (85†) bildeten sie ein Trio und gaben etliche Konzerte ihrer gemeinsamen Nostalgie-Tour. „Mit Paul starb ausgerechnet der Jüngste zuerst. Nun ist auch Max von uns gegangen. Und ausgerechnet ich bleibe übrig“, sagt Strasser. „Eigentlich hätte es umgekehrt sein müssen.“

Andreas Thieme

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