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Vor seinem Konzertauftritt in der Muffathalle in München stand Max Herre Rede und Antwort.

Max Herre im Interview

Max Herre: „Ich bin Gefühlsmensch, kein Stratege“

München - Vor seinem Konzert in der Muffathalle hat Max Herre im Interview über seine Musik gesprochen. Er will weder provozieren, noch Antworten liefern. In seinen Liedern geht es um Gefühle.

Max, eine ganze Generation ist mit der Musik und den Texten deiner Band „Freundeskreis“ groß geworden, jetzt kehrst du dem Genre Hip-Hop den Rücken zu. Wird deine bisherige Hörerschaft den Zugang zu deiner neuen Musik finden?

Max Herre: „Für mich war und ist Musik Zeitgeist.“

Max Herre: Musik und vor allem Popkultur ist etwas sehr Wandelbares, das immer in Bewegung bleibt. Für mich war und ist Musik Zeitgeist. Als wir kamen, war deutschsprachiger Hip-Hop frisch und unbesetzt. Dieser Musik konnten wir unseren Stempel geben. Jetzt, zehn Jahre später, klingen die Sachen natürlich anders. Viele Bands, die in einer bestimmten Zeit erfolgreich waren, haben das Problem, dass sie musikalisch mit ihrem Geschaffenen identifiziert werden. Dass jeder auch vor und nach dieser Zeit eine Geschichte hatte, wird oft vergessen. Der Erfolg ist Fluch und Segen zugleich: Als Künstler steckst du in einer Schublade, aus der du nicht so schnell entkommst. Wir werden immer von der Nostalgie der Menschen konfrontiert werden, die mit uns älter geworden sind.

Wie viel Wehmut liegt hier in deiner Stimme?

Herre: Gar keine. Das sind Entscheidungen, die ich, aber auch andere Musiker getroffen haben. Wir haben uns im Hip-Hop immer als Musiker und nicht als eine Firma verstanden. Wir wollten kein Geschäftsmodell sein, das funktioniert und das immer wieder möglichst nah am Orginalrezept kopiert wird, um den Erfolg aufrecht zu erhalten. Der Ansatz von damals und heute hat sich jedoch nicht geändert: Wir machen als Musiker etwas, das nahe an uns dran ist. Etwas, das integer und nicht aufgesetzt ist und ein unmittelbares Gefühl vermittelt.

Max Herre: Das Konzert in der Muffathalle in Bildern

Max Herre: Das Konzert in der Muffathalle in Bildern

Hast du mit der Abkehr vom Hip-Hop nicht auch die Möglichkeit aufgegeben, musikalisch Widerstand zu leisten?

Herre: Wenn überhaupt, bin ich mit meiner neuen Platte auf Widerstand gestoßen. Dabei habe ich meine musikalische Karriere schon ein paar Mal zur Disposition gestellt. 2000 etwa, als es mit Freundeskreis nicht weiterging und ich eine Zeit lang nur produziert habe. Jetzt mache ich eben Songwriting im klassischen Sinn. Damit kann ich derzeit am Besten ausdrücken, was ich in mir trage. Widerstand zu leisten, ist nicht die Überlegung beim Musikmachen. Hier bin ich Gefühlsmensch, kein Stratege.

Gibt es im Schreibprozess einen Unterschied zwischen Raptext und der Strophe für ein gesungenes Lied?

Herre: Rap ist sehr oft narrativ. Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen. Die Songtexte meiner neuen CD sind dagegen lyrischer. Es geht darum, eine Metapher für eine Emotion zu finden. Ich möchte eigene, aber auch allgemeine Gefühle ausdrücken. Beim Songwriting muss man im Vergleich zum Hip-Hop ziemlich schnell auf den Punkt kommen, um die grundsätzliche Emotion des Songs formulieren zu können.

Gibst du beim Singen mehr Persönlichkeit von dir preis als beim Rappen?

„Rap ist mehr eine Art Vorlesen.“

Herre: Rap ist mehr eine Art Vorlesen. Wenn ich dagegen singe, kann ich Gefühle transportieren. Jedem ist klar, worüber ich singe, ohne dass er die Geschichte sezieren muss, die mit dem Song verbunden ist. Das hilft mir, emotional und bei mir zu sein, ohne das Gefühl zu haben, dass ich den Leuten nicht gerecht werde, denen ich verpflichtet bin: meiner Familie und meinen Kindern. Ich gebe beim Singen meine Intimsphäre nicht preis, bin aber trotzdem persönlich.

In den Medien wird immer von einem gereiften Max Herre gesprochen, der sich neu definiert hat. Dabei waren schon in den Liedern von Freundeskreis Songstrukturen erkennbar. Gab es den Songwriter Max Herre schon länger, als es uns jetzt verkauft werden soll?

Herre: Ich mache seit 20 Jahren Bandmusik. Ein Lied wie „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ aus der Anfangszeit von Freundeskreis hatte bereits einen gesungenen Refrain. Auch „Anna“ ist für mich - trotz Raptext - klassisches Songwriting. Sie haben gerade deshalb Bestand, weil sie keine losen Texte sind, die auf Beats gesprochen werden. John Lennon hat einmal gesagt: Ein guter Song ist ein guter Song, egal in welchem Gewand man ihn transportiert. Ich wollte auch beim Rap immer nur das machen, was mich interessiert hat: einen Song schreiben.

Ist deine Platte somit ein Schritt zurück zu deinen musikalischen Anfängen?

Herre: Vielleicht. Mein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder hat zum Beispiel gemeint, mein neues Album erinnere ihn an meine erste Band. Für ihn schließt sich der Kreis ganz anders als für jemand, der mit „Esperanto“ von Freundeskreis eingestiegen ist.

Teil zwei auf der nächsten Seite:

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Max Herre über die derzeitige Entwicklung im deutschen Hip-Hop denkt, und warum die Freundin seiner Mutter jetzt seine Musik mag.

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