Animation des renovierten Gasteig
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So könnte der renovierte Gasteig aussehen: Animation des Münchner Architekturbüros Henn.

Interview zur Zukunft des Kulturzentrums und Kooperation bei Konzertsälen

Max Wagner über den Interims-Gasteig: Sechs Monate feiern

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Gerade ist sein Vertrag als Gasteig-Geschäftsführer um fünf Jahre verlängert worden. Max Wagner, seit 2017 auf diesem Posten, hat bei der Sanierung des Kulturzentrums auch Gegenwind bekommen. Sein Optimismus hat darunter kaum gelitten. Und auch nicht seine Lust auf mehr kulturelle Zusammenarbeit in der Stadt.

Seit 2017 ist Max Wagner Gasteig-Geschäftsführer, gerade wurde sein Vertrag um fünf Jahre verlängert.

Welche Bilanz werden Sie Silvester zu den Gasteig-Geschehnissen im Jahr 2021 ziehen können?

Es ist ein außergewöhnliches, einmaliges Jahr in der Gasteig-Geschichte. Das größte Kulturzentrum Europas zieht um. Worauf wir uns besonders freuen, ist am 8. Oktober die Eröffnung des Interims-Gasteig in Sendling. Wir planen eine sechsmonatige Eröffnungsstaffel. Jeder Monat wird von einem der Institute im Gasteig gestaltet. Die anderen geben jeweils ein Geschenk. Innerhalb von eineinhalb Jahren werden wir dann zum Beispiel eine Philharmonie mit 1900 Plätzen für rund 43 Millionen Euro hingestellt haben. Das wird Furore machen in Europa. Wir hoffen, dass dann alles mit möglichst viel Publikum bespielt werden kann. Und wir hoffen, dass die Ausschreibung für die Sanierung des Gasteig auf den Weg gebracht wurde. Wenn uns dies Silvester erlaubt sein sollte, werden wir also alles gebührend feiern.

Beim Thema Sanierung gab es aus dem Stadtrat Widerstand wegen der Summe. Ein Investor soll nun alles steuern. Wie enttäuscht sind Sie, dass Ihnen die Zügel aus der Hand genommen wurden?

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, insofern bin ich nicht enttäuscht. Prinzipiell sind wir sehr dankbar, dass dieses Projekt weiterverfolgt wird und es ein Bekenntnis zum größten städtischen Sanierungsvorhaben gibt. Das ist in diesen Zeiten nicht selbstverständlich. Es ist daher auch eine gute Entscheidung in dieser Lage. Natürlich waren wir fünf Jahre Bauherr für ein einmaliges 450-Millionen-Euro-Projekt und haben das mit Herzblut betrieben. Das Schöne ist aber: Wir haben das alles gut und im Zeitplan abgeschlossen, viele Visionen verwirklicht und konnten nun den Staffelstab an das Baureferat abgeben. Wir sind ja weiterhin als Vertreter der Nutzer gefragt.

In einem unserer früheren Gespräche sagten Sie: „Es ist Zeit für einen großen Wurf.“ Ist es jetzt nur noch ein 80-Prozent-Wurf?

Es ist immer noch ein großer Wurf. Wir mussten Abstriche machen und sehr hart ringen. Aber ich trauere keiner Sache nach. Das Ergebnis ist rund, gerade in der Ausgewogenheit zwischen den Gasteig-Nutzern. Ich habe immer gesagt, wenn es Widerstand gab: Ja, wir können weiter einsparen – aber dann geht es an die Substanz und an die Inhalte. Dann müsste man einzelne Teilprojekte weglassen wie zum Beispiel einen Saal für die Volkshochschule oder das Dachrestaurant. Wir sind jetzt auf ein Maß gekommen, bei dem wir konstatieren: Das ist nicht Luxus, aber für alle Nutzer sehr vertretbar.

Die Stimmen mehren sich, die die Sendlinger Philharmonie langfristig erhalten wollen. Wird es bei einer Interimslösung bleiben?

Der Saal bietet einige Voraussetzungen. Es gibt zum Beispiel Stimmzimmer und einige andere Einrichtungen. Wenn man für längere Zeit dort eine Verwaltung unterbringen wollte, müsste man vielleicht Räume der angrenzenden Halle E auf dem Gelände umwidmen. Insofern ist das ein vollwertiger, voll funktionsfähiger Saal, der 30 bis 35 Jahre dort bleiben könnte. Wir konnten ja nichts errichten, was bald wieder zusammenzubrechen droht. Durch den Brandschutz mussten wir etwa viel Beton verbauen und weniger Holz als geplant.

Sie haben einmal angedeutet, dass es eine gemeinsame Organisationsstruktur für Gasteig und Konzerthaus im Werksviertel geben könnte. Was spricht denn dagegen, dass man sich angesichts der Säle, die gerade in der Stadt entstehen, stärker vernetzt?

Nichts. Wir sind bereits gut vernetzt. Wir unterstützen ja schon die Konzerthaus-Planung des Freistaats. Vertreter dieses Projekts haben sich zum Beispiel über die Lüftungsanlage im Interims-Gasteig informiert, über die Tiefgarage, über die Orgel und so weiter. Wir müssen offen sein. Sich in Konkurrenz zu begeben, bringt nichts.

Ich meinte eher die strukturelle Vernetzung. Zum Beispiel eine gemeinsame Generalintendanz.

Ganz allgemein: Ich finde manchmal die Gräben zwischen städtischen und staatlichen Institutionen erstaunlich. Dem Besucher ist es doch egal, wer den Saal baut und betreibt. Und den Menschen, die dort etwas vorführen, ebenfalls – sie machen einfach Kultur. Mit unserem „Faust“-Festival haben wir es 2018 hinbekommen, dass Einrichtungen von Stadt und Staat wunderbar zusammenarbeiten. Fakt ist: Die Gasteig München GmbH weiß in dieser Stadt am besten, wie man einen solch großen Konzertsaal betreibt – einfach auch, weil es keinen vergleichbaren gibt. Eine gemeinsame Organisation wäre schon denkbar. Ich glaube aber, die politischen Gegebenheiten sind andere. Es wäre schön, diese scheinbaren Widersprüche aufzulösen. Vielleicht braucht es einfach noch ein bisschen Zeit, bis wir alle nicht mehr in solchen Schubladen denken. Mir kommt da immer der riesige Leipziger Bahnhof in den Sinn. Der wurde so gebaut, weil jede Eisenbahngesellschaft ihre eigenen Gleise benötigte. Aber eigentlich brauchte die Stadt damals gar kein so großes Gebäude.

Wie optimistisch sind Sie, was die Eröffnung des sanierten Gasteig im bislang geplanten Jahr 2025 betrifft?

Das liegt nun nicht mehr ganz in unserer Macht, da sind Baureferat und Kämmerei die Ansprechpartner. Im Übrigen bin ich immer grundsätzlich optimistisch. Was spannend wird: Gerade im Interimsquartier können wir viele neue Dinge relativ frei ausprobieren, was zum Beispiel die Kulturvermittlung betrifft oder das Zusammenwirken der verschiedenen Institutionen. Die Philharmoniker wollen sich dort vollkommen neu erfinden. In Sendling wird also sehr viel entstehen. Und unsere Aufgabe ist es dann, dies alles mitzunehmen zurück nach Haidhausen.

Der Interims-Gasteig ist der Sandkasten, in dem Sie Welpenschutz genießen.

Genau. Überhaupt finde ich es wichtig, dass wir uns auch Scheitern zugestehen. Man braucht eine gute Fehlerkultur. Erst das bringt uns weiter.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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