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Maxi Brückner

Maximilian Brückner inszeniert "Magdalena": Interview zur Premiere

München - Maximilian Brückner wagt sich an seine erste Regie: Am Münchner Volkstheater inszeniert er Thomas „Magdalena“. Lesen Sie hier das Merkur-Interview zur Premiere.

In Ludwig Thomas „Magdalena“ von 1912 spielte einst die Crème de la crème der bairischsprachigen Schauspieler, man denke nur an Therese Giehse und Rudolf Vogel. Aber in unseren Tagen ist das „Volksstück“ ziemlich in Vergessenheit geraten. Das Volkstheater macht sich nun daran, das Werk neu zu entdecken (Premiere am 23. Februar) und holt dabei Wolfgang Maria Bauer als Paulimann wieder auf eine Münchner Bühne zurück. Schauspieler Maximilian Brückner, der amtierende Boandlkramer, wagt sich an die Regie – seine erste.

Wie sind Sie auf „Magdalena“ beziehungsweise Thoma gestoßen?

Vor Jahren auf der Schauspielschule, ich glaube, nach dem Seminar für Volksschauspieler 2002 wollte ich daheim in Riedering ein bissl anderes Theater machen. Ich habe das Stück nicht verändert, sondern ganz einfach, schlicht inszeniert.

Sie haben das Stück gekannt?

Es gibt ja relativ wenige passende Stücke für so ein Projekt. Das war der eine Grund. „Magdalena“ wird kaum mehr gezeigt, das Buch gibt es nur noch im Antiquariat. Das war der andere Grund, warum ich das Drama jetzt fürs Volkstheater angehe. Mich interessiert „Magdalena“. Ich finde es immer noch aktuell – natürlich mit einigen Verschärfungen.

Ihre Leni ist kein Madl, sondern ein Bursch, der in der Stadt auf den Strich gegangen ist und deswegen heim ins Dorf zu den Eltern geschickt wird. Warum die männliche Version?

Ich habe aus dem Mädchen einen Jungen gemacht, damit sich der Konflikt mit dem Vater verschärft. Wenn es noch das Mädl wär’, würde das Dorf zu bieder, zu katholisch dastehen. Der Zuschauer sagt dann: „Mein Gott, das ist nicht das Tollste, aber damit kann man doch umgehen.“ Aber bei so einem Vater-Sohn-Verhältnis spitzt sich das Problem zu. Jeder fragt sich: „Könnte ich ertragen, dass mein Sohn sich prostituiert?“ Wichtig war mir außerdem das Bairische. Ich fühle mich sicherer dabei. Aber vielleicht hätte ein anderes Stück auf Hochdeutsch genauso funktioniert... Das Grundgerüst, dass Menschen andere Menschen ausschließen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, eine andere Religion oder Sexualität, ist gleichgeblieben – heute wie damals. Aber der Konflikt sollte stärker sein. Ich denke, 80, 90 Prozent der Leute könnten mit einer derartigen Situation nicht zurechtkommen. Das ist die Grundidee.

Sie sind auf dem Dorf aufgewachsen und leben noch dort. Ist der Umgang mit dem Skandal anders als in der Stadt?

Auch in der Stadt entstehen Dörfer – jeder baut sich sein eigenes Dorf. Man kann sich in der Stadt besser rausziehen, aber in der Clique redet man übereinander. Generell haben die Menschen Angst, wenn sich Grenzen öffnen. Das sind gefährliche Phasen, die in Radikalität kippen können.

„Magdalena“ ist Ihre erste Regie. Was hat Sie gereizt?

Damals als Student hat es Spaß gemacht – auch den Schauspiel-Laien. Zunächst hatte ich ja von ihnen gelernt, und nach der Schauspielschule habe ich sie an ihre Grenzen geführt.

Das war der erste Test, bei dem man merkt: Ich kann’s...

Ob ich’s kann, weiß ich nicht. Ich glaube, du fängst jedes Mal von vorn an. Wie beim Schauspiel auch. Zu meinen, man hat ein Repertoire, das man bloß auspacken muss, ist nicht mein Weg. Auch wenn ich eine Rolle erarbeite, geht’s mir so: Ich denk’, was hab’ ich überhaupt in dem Beruf verloren? Da muss ich eben hinarbeiten. Ich möchte auch wieder in Riedering was machen, nix Großes. Es geht nicht darum, dass ich dort inszeniere, sondern dass wir Spaß haben. Damals hat der Stückl mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihm ein Drama zu inszenieren. Ich habe geantwortet: „Nein, ich bin zu jung, ich kann das nicht.“ Und jetzt bin ich vielleicht immer noch zu jung, aber ich hab’s mich wenigstens getraut.

Christian Stückl hat dann wieder bei Ihnen angeklopft?

Nein, ich habe mich gemeldet, und er hat gesagt: „Überleg’ Dir was.“ Ich habe „Magdalena“ vorgeschlagen – mit meiner Idee. Das ist ja ein Gesamtpaket. Ich habe einiges umgestellt, wollte jedoch am Thoma-Stück nahe dranbleiben. Es wirkt holzschnittartig, hat aber viel Kraft. Wenn man es zu sehr verheutigt, dann verliert es an Kraft. Das merke ich jetzt erst nach vier Wochen Proben: Man muss darauf schauen, dass die Sätze ganz klar gesagt werden. Man muss sie greifen und dem anderen ins Gesicht hauen.

Wie ist es mit dem alten Bairisch?

Die Schauspieler tun sich wahnsinnig schwer mit dem Textlernen.

Wie schwierig ist es, mit einem wie Wolfgang Maria Bauer, der selbst nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur und Autor ist, zu arbeiten?

Ich hab’ auch Angst gehabt. Aber mit Wolfgang Maria Bauer – ich bin froh, dass wir ihn haben – kann man super arbeiten. Der schmeißt sich voll rein. Wir haben uns überhaupt nicht gekannt; wir haben ein-, zweimal telefoniert, einen Menschen lernst du allerdings erst auf der Probe kennen. Viele würden einen Jungregisseur vielleicht auflaufen lassen – das hat er nie getan. Aber meine Art zu arbeiten ist auch ein Wir. Da sitzen zehn Leute mit vielen Einfällen. Selbst wenn nur zehn Prozent davon gut sind, ist das schon einiges. Es ist ein Miteinander-Finden. Ich weiß am Anfang selbst nicht, wohin das Stück geht.

Ihr Bruder Florian hat die Magdalena-Funktion übernommen.

Wir arbeiten sehr gut zusammen. Ich wollte nicht unbedingt meinen Bruder für die Rolle, aber es ist recht schwer, einen jungen Bairisch sprechenden Schauspieler zu finden. Wenn ich sehe, wie filigran er und was für ein Prackl Mannsbild der Bauer ist, dann entsteht da die richtige Spannung.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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