Maximilianmuseum Augsburg: Bayerischer Pomp für die Zaren

Augsburg - Prunkvolles Metallhandwerk: Dafür machten sich die Augsburger Gold- und Silberschmiede vor 300 bis 500 Jahren einen Namen, der vor allem die Königshäuser begeisterte. Mit ihren Staatsgeschenken beglückten sie einst Russland. Jetzt kehrt das "Zarensilber" erstmals aus dem Kreml zurück in die Heimat: Das Maximilianmuseum zeigt über 70 Prachtstücke.

Gefährliche Reisen in die Kälte und Wildnis waren es damals, die die Diplomaten der Herrscherhäuser in die russischen Wälder führte: Auch der Besucher des Augsburger Museums folgt ihren Spuren durch virtuelle Birkenhaine, um dann sogleich mitten im Pomp der Zaren zu landen. Der Aufbau dieser gülden untermauerten russischen Machtstellung war verbunden mit Kriegen, Beuteübergaben und kniffligen Ritualen samt Banketten und Geschenkzeremonien.

So kam der Kreml langsam aber sicher zu seiner einmaligen Sammlung, die erst im 19. Jahrhundert in der Moskauer Rüstkammer der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Von derlei Schätzen trennt man sich dann auch nicht gerne: Umso glücklicher kann sich die Stadt Augsburg schätzen, dass jetzt ihr glänzendes Handwerk endlich und erstmals wieder zu sehen ist, dank der guten Verbindung zum Kreml-Museum.

Über dieser gelungenen Allianz thront ein 16 Kilogramm schwerer Silberadler von Abraham I Drentwett und Heinrich Mannlich, der 1671 dem Zaren Alexej Michailowitsch von den polnischen Gesandten übergeben wurde. Der mächtige Greifvogel, der Zepter und Reichsapfel in den Klauen hält, diente als Ablage für die polnische Krone und war ein mutiges Zeichen der Hochachtung, das allein für die Repräsentation bestimmt war. Dass der Zar dann seine Privatgegenstände darauf ablegte, sorgte für massive Empörung ­ und zeigt die vielen diplomatischen Fallstricke, mit denen der Aufbau der russischen Vormachtsstellung in Europa verbunden war. Ihren zentralen Einfluss als Großmacht erlangten die Zaren während der beiden nordischen Kriege im 16. und 17. Jahrhundert mittels vieler Bündnisse und der Eindämmung der Macht der polnischen und schwedischen Königreiche.

Die Augsburger Goldschmiede, damals international bekannt für ihre Qualität, waren flexibel genug, auf die sich stets verändernden Ansprüche, Motive und Liaisons einzugehen. Munter setzten sie auf riesigen Kannen, Schalen, Tellern und Leuchtern die aktuell gewünschten politischen Motive um. Eine Schauplatte von Lorenz I Biller mit den gefangenen Türken vor Leopold I. (1683/84) ist dafür das beste Beispiel. Auch ausgefallene Stücke wie die Kanne, die aus einem Frauenkopf mit Damenhütchen samt Feder besteht, bekräftigen auf etwas blumigere Weise die Wertschätzung des erstarkenden russischen Reiches (von Melchior I, 1650).

Was nicht gleich in der Schatzkammer verschwand, wurde bei Tisch zur Schau gestellt: Größe und Gewicht von Pokalen, Trinkschiffen, Vasen und Schalen sollten vor allem imponieren. Jupiter mit Adler und Juno mit Pfau zieren zwei Kerzenleuchter, die mit abnehmbaren Seitenarmen und Figuren auch gleich die neuesten technischen Raffinessen der Augsburger Zunftmeister (hier: Johann I Scheppich um 1670) belegen. Die Hommage an die Rüstkammer des Kreml ist so auch immer eine Hommage an die Augsburger.

Die Königshäuser der Welt ließen aber nicht nur die Belege politischer Bande bei der Zunft in Gold und Silber punzieren, sondern bestückten auch ihre Häuser selbst mit bayerischer Qualitätsarbeit. Um 1700 war in Augsburg das Zentrum für Silbermöbel, und natürlich ließen es sich die Zaren nicht nehmen, kräftig für ihre Palais in St. Petersburg einzukaufen: Ein silberner Kaminschirm mit Episoden aus der antiken Mythologie sowie ein Silbertisch, auf dem sich um Amor die Grazien winden, belegen nicht nur den damaligen elitären Geschmack, sondern auch die hohe Stellung der Künstlerfamilie Biller.

Die Schätze des Kreml wuchsen auch nach dieser Blütezeit durch Schenkungen nobler Bürger sowie durch die Stücke, die im Zuge der Säkularisation aus Klöstern und Kirchen entfernt wurden. Spätestens hier spannt sich dann in der Schau der Bogen zur Neuzeit: Neben den speziellen Aufbauten und den wenigen eigenen Räumen sind Teilstücke und Aspekte in die Dauerausstellung integriert. So auch eine festliche Tafel wie zu Zeiten Katharinas der Großen, die mit der aktuellen Schlichtheit der Silbermanufaktur Reiner kombiniert wird.

Eine Sonderpräsentation "Silber heute" zeigt schließlich, was aus den protzigen, vielfach verschnörkelten Barockentwürfen geworden ist: zeitgemäßes Design in bester Handwerkstradition, das als Schmuck dem heutigen Repräsentationsbedürfnis entspricht.

Bis 1. Juni.

Di. und Do. 10­20 Uhr; Mi., Fr.­So. 10­18 Uhr. Telefon: 0821/ 324 41 03, Katalog: 29,90 Euro. Ergänzungsschau "Silber im Entwurf" bis 13. April im Schaezlerpalais.

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