"Mayday" bringt Licht

- Bester Laune war Chris Dercon bei der Pressekonferenz zur Ausstellung "Konstantin Grcic Industrial Design. On/off" - und sehr erleichtert. Dabei hatte ihm nicht die Schau des Münchner Gestalterteams Kummer bereitet - ganz im Gegenteil: Man sei jahrelang freundschaftlich verbunden. Es war nach einigem Hickhack vielmehr die Entscheidung für den Schriftzug "Allianz Arena" auf dem Haus der Kunst, die den Chef der Institution erfreute. Die Stadt hatte sich zunächst dagegen ausgesprochen und ist jetzt mit einer leichten Modifizierung einverstanden. Ein netter Sturm im Wasserglas und Super-Werbung für das Haus.

Die Moderne und der heimische Biertisch

Auch "On / off" ist gewissermaßen Werbung. Die Präsentation, die Grcic (1965 geboren) und sein Projektleiter Nitzan Cohen (1973) selbst für die "Ehrenhalle" des in der NS-Zeit entstandenen Baus entwickelt haben, streicht die massentauglichen  Objekte  wirkungsvoll heraus. Aber das mit viel Ironie. Der erste Eindruck ist: Unübersichtlichkeit. Wie in einer riesigen, billigen Kaufhalle muss sich der Betrachter erst einmal orientieren. Nüchterne Gitter-Stellagen beherbergen die kleineren Gegenstände - vom Mülleimer bis zum Wasserglas, von der Teetasse bis zur Rührmaschine. Aber warum dann die zahllosen Scheinwerfer in Weiß und Orange mit Kintopp-Glamourlicht? Schließlich ist da nur viel grundsolides Industrie-Design zu sehen. Ohne Sperenzchen, ohne ausgeflippte Attitüde, ohne Eigentlich-bin-ich-ein-Künstler-Anspruch.

Dieses Oszillieren zwischen Spielerischem und Praktischem, zwischen Spektakulärem und Nüchternem illustriert das Rückgrat, von dem die Regalreihen ausgehen. Es wird gebildet von Grcics kombinierter Zickzack-Biertisch-Bank. Treue Besucher des Hauses der Kunst haben sie schon in dessen "Goldener Bar" kennengelernt. Und gemerkt, dass sie eine lustige Idee ist, schön anzusehen auch, aber unpraktisch und unbequem. Spritziges Design mit eigenem Profil, das auch noch den Nutzer umschmeichelt, ist eben gar nicht leicht zu kreieren. Aufs Schönste gelungen ist das bei der Tütenlampe "Mayday". Oben am Spitz hat sie Griff und Haken, sodass man sie, die Federleichte, nach Belieben woanders hinstellen oder hängen kann. Geniale Einfachheit.

Charmant auch die Wohnzimmermöbel. Sie erinnern ein wenig an die japanische Falt-Kunst Origami. Außerdem sind sie zierlich, das heißt, sie nehmen auf die kleinen Wohnungen von Normalverdienern Rücksicht. Auf dem kleinen Kanapee "Odin" sitzt's sich wirklich gut. Das kann man im Foyer des Hauses der Kunst ausprobieren. Hier im "off" wurden eine Sitzgruppe mit Beistelltischchen (gefalteter Stahl) und die Kassenmöbel installiert. Im Café´ gibt's hingegen wieder einen ironischen, noch unvollendeten Mix: nicht Biertische, sondern unter einem mächtigen Lüsterrad aus vielen "Maydays" versammeln sich Grcics Großgitter-Stühle (à la Atommodell), durchsichtige Plastiksessel und Herzerl-Wirtshausstühle. Ein Sammelsurium, von Weiß gezähmt.

Während in diesen "off"-Bereichen die Gegenstände im Endzustand zu erleben sind, sieht man in "on", wie sie entstanden sind. Erste Skizzen, dann simple Modelle aus Pappe. Schließlich Schaumstoff- oder Metall-Vorformen und endlich der Prototyp. Erst danach kann das jeweilige Objekt in Serie gehen. Seit 1991 werkelt Konstantin Grcic in seinem Atelier in der Schellingstraße. Mittlerweile gehört KGID zu den wichtigsten Büros der jungen Gestalter-Szene.

Bis 9.7., Tel. 089/ 21 12 71 13.

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