"Medeia" am Residenztheater: Und die Antike schlägt zurück

- Eine Ehetragödie? Ein antiker Mythos? Das Grundmuster der Dramen der alten Griechen umspannt nun einmal die ureigenen Problemfelder des einzelnen Menschen. Es ist übertragbar in jede Zeit, also auch in unsere. Eine der berühmtesten "Modelle" ist Medea, jene Königstochter aus Kolchis am Schwarzen Meer, die einst dem Griechen Iason dazu verhalf, das Goldene Vlies zu rauben, die für ihn gestohlen, verraten und gemordet, die mit ihm die Heimat verlassen und ihm auf der Flucht zwei Söhne geboren hat.

Ein Stoff, aus dem Theaterstücke und selbst Opern sind. Die Möglichkeiten für Bearbeitungen und die Auswahl daran sind groß. Für ihre Inszenierung am Münchner Residenztheater entschied sich Regisseurin Tina Lanik aber für das Original, für Euripides‘ "Medeia". Und sie hat falsch entschieden.

Denn offenbar interessierte sie nicht so sehr der antike Mythos, sondern einzig die Ehegeschichte und auch überhaupt nicht der politische Bezug. Wenn aber versucht wird, den Tragödienfiguren die besondere Aura zu nehmen, ihren Furor und ihre Einzigartigkeit und sie aufs Bürgerliche herunterzubrechen, ihnen damit unsere Alltäglichkeit zu geben ­ dann werden sie geheimnislos und letztlich uninteressant. Denn solche Schicksale sind täglich hundertfach nachzulesen in allen Zeitungen. Oder anzusehen in den TV-Reality-Shows dieser Welt. Und in eine solche hat Lanik das Stück verwandelt. Doch die Antike schlägt zurück.

In Pose an Kreons Hose

Bühnenbildnerin Magdalena Gut hat die Szene mit einem roten Absperrzaun umrandet und sie damit als eine Art Getto markiert. Dass das die Küste Korinths sein soll, machen ein Anker deutlich und das mit großem Getöse vom Kran heruntergelassene Wrack der Argo.

Wie verloren erscheint in diesem weiten Raum Stephanie Leue als Medeia, wenn sie durch die hintere Tür in jenem goldenen Gewand, das ihrer Rivalin später den Tod bringen wird, die Bühne betritt. Wenn sie in einem langen, stummen Gang an die Rampe schreitet, ins Publikum blickt und über Mikroport ­ womit diese Unsitte, wenn auch nur partiell, nun auch Einzug in Dieter Dorns Staatsschauspiel gehalten hat ­ ihr Unglück kundtut. Wenn sie ihr Kleid abstreift und sich in Unterhemd und Unterhose, was fortan ihr Hauptkostüm bleibt, auf den Boden kauert. Eine verhärmte, ja zickige Frau. Zum Erbarmen. Stephanie Leue zieht alle Register ihrer jungen, noch ziemlich unerfahrenen Schauspielerinnen-Seele. Aber die ist viel zu klein für diese große Figur des Welttheaters. Was von innen heraus nicht zu schaffen ist, wird gebrüllt. Kein Wunder, dass Iason sich anders orientiert.

Warum wollte Lanik ausgerechnet dieses Stück, wenn sie alle Leidenschaft, alle Erotik, allen Zauber der Titelheldin eliminiert? Stattdessen muss Stephanie Leue in der Begegnung mit König Kreon so tun, als wolle Medeia ihn mit plattem Sex dazu bringen, ihre Verbannung rückgängig zu machen. Da schmeißt sie sich kümmerlich in Pose und geht ihm an die Hose. Falls das witzig gemeint sein sollte: Es ist einfach nur schlecht. Aber beispielhaft für die Nichtbewältigung des Stoffes.

Manchen in diesem Ensemble dürfte das bewusst sein. Versiert retten sie sich in ihre Routine. Zum Beispiel so künstlerische Schwergewichte wie Rainer Bock, der als Iason den coolen Karrieristen im Smoking spielt, den er vom Staub befreit, nachdem er sich sozusagen aus Versehen mit seiner Exfrau noch einmal auf dem Boden gewälzt hat. Oder wie Stefan Hunstein, der mit seinem Auftritt als Aigeus die stimmige kleine Studie eines Kindernarren ohne Kinder gibt. Guido Lamprecht, erstmals in München, zeigt dagegen als Kreon nicht mehr, als dass er darstellerisch zu den Leichtgewichten gehört.

Wirklich interessant sind an diesem Abend nur zwei: Eva Schuckardt, die mit der Wucht einer antiken Tragödin ihren nachhaltigen Auftritt als Amme hat. Und Barbara Melzl als "Chor der korinthischen Frauen". Als munteres Fernseh-Moderatoren-Girl in Blond fügt sie sich in die Banalität der Inszenierung zunächst ein. Am Ende aber gewinnt Melzl Format. Wenn sie Medeia vom Mord an den Kindern abhalten will und dabei sprachlich dem Rhythmus der antiken Form folgt: Dann ist das ein kurzer Moment, in dem etwas von der tiefen Wahrheit zwischen Mythos und Tragödie aufscheint. Der Rest ist Video. Höflicher Beifall für zwei pausenlose Stunden.

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