Meditativer Genuss

- Angekommen! Das kann die neunte Münchener Biennale für neues Musiktheater nach ihrer zweiten Uraufführung am Donnerstag im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteig mit Fug und Recht vermelden. Angekommen da, wohin sie laut diesjährigem Motto - "in die Fremde" - unterwegs ist. Aber auch angekommen in ihrem künstlerischen Zentrum: bei spannendem, zeitgenössischem Musiktheater.

<P>"Versuchung" heißt die einaktige Kammeroper des 52-jährigen chinesischen Komponisten Qu Xiao-song, die vom Premierenpublikum mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde. Ähnlich wie sein Landsmann Tan Dun in der erfolgreichen Biennale-Oper "Marco Polo" verbindet auch Qu fernöstliche Tradition auf höchst subtile Weise mit westlicher Moderne. In seinem gut hundert Minuten langen Auftragswerk musizieren Instrumentalisten beider Welten unter Rüdiger Bohns präziser Leitung: Ein siebenköpfiges Streicherensemble sitzt auf der Bühne einer west-östlichen Schlagwerkgruppe gegenüber, während die chinesischen Spieler von Pipa (Kurzhals-Laute), chinesischer Flöte, Sheng (Mundorgel) und Guzheng (Zither) im Graben positioniert sind. Sie alle mischen sich, weiße Totenmasken tragend, als Skelette und Begräbnishelfer mit Zurufen und Fragen ein ins Geschehen. Ebenso der Dirigent als König im Reich der Toten und Begräbnisvorsteher.</P><P>Schlichte, lineare Musik</P><P>Schon allein ihre Sprache ist Musik. Dazu kommen jene, zunächst wie Schauspielmusik eingesetzten Klänge der Becken, metallisch nachhallend oder trocken, dumpf, fast erstickt. Die der Trommeln, der Holzblöcke, der Gongs oder jene zart exotischen der Blas- und Zupfinstrumente. Insgesamt eine schlichte, nicht harmonisch orientierte, stark lineare Musik mit einfachen rhythmischen Mustern, häufigen Wiederholungen, wie sie die Minimal Music übernahm.</P><P>Diese klangliche Übersichtlichkeit führt jedoch keineswegs in die Dürre, vielmehr in eine kontemplative Ruhe, deren oberstes Ziel die Stille - als Teil des Klangs _ ist. Auch die Streicher fügen sich in diese Struktur, dürfen allerdings punktuell melodiös aufblühen, wenn die Sänger in ariosen Ansätzen Gefühle preisgeben. Das fügt sich wunderbar, ohne Zwang. Vertrautes und Fremdes in einer schillernden Koexistenz, die das Fremde vertraut macht und umgekehrt. Qus Kammeroper, die auf einer klassischen chinesischen Vorlage basiert, fasziniert - nicht zuletzt dank der ausgefeilten Realisierung durch Rüdiger Bohn und die 14 Musiker - schon als reines Hörerlebnis. Zum gesteigerten meditativen Genuss wird sie durch Sabrina Hölzers konzentrierte, alles Realistische konsequent negierende Regie, Etienne Pluss' ästhetisch strenge Ausstattung und Jeannot Bessieres kunstvoll eingesetztes Licht. Die Reduktion auf das Wesentliche entspricht der Musik, nirgendwo gibt es ein Zuviel: weder im Schwarzweiß der Kostüme, woraus nur der üppig-bunte Schamane ausbricht, noch in der stilisierten Gestik, den ritualisierten Tänzen oder im Szenenbild.</P><P>Zwischen schmalem Steg am Graben und erhöhter Rampe vor dem in wechselnde Farbtöne getauchten Rückprospekt breitet sich eine trapezartige Spielfläche aus, flankiert von Instrumentalisten. Ein grauer Platz, den ein schwarzes Bühnentuch zur Wegkreuzung macht, zum Scheideweg, wo Zhuang Zhou (Gong Dong-jian) erfahren muss, dass er noch nicht reif ist fürs Totenreich, für die Erleuchtung. Obwohl er ähnlich wie Mozarts Ferrando und Guglielmo die Treue seiner Frau - allerdings nach dem Tode - prüfen will und obwohl der von ihm geschickte Tröster zunächst schmeichelt und sich dann wie Da Pontes verkleidete Liebhaber in Krämpfen windet, lässt sich Qu von der italienischen Buffa nicht anstecken. Bei ihm hilft keine kesse Despina, mahnt vielmehr ein Furcht einflößender Schamane (Kang Jian-hai).</P><P>Die Stimmung bleibt insgesamt düster, die Fragen nach der wahren Identität, nach Sein und Schein an der Schwelle vom Leben zum Tod enden in der Andeutung ewiger Wiederkehr - nachdem die Frau (Wu Bi-xia) bereit war, für den werbenden Prinzen (Shi Xiao-mei) das Hirn ihres toten Gatten zu opfern. Zuletzt verschwinden auch die Gesichter der Protagonisten hinter starren Masken. Die Langsamkeit, die Reduktion und die Konzentration geben dieser chinesischen "Così`"-Version - mit der gleichfalls bitteren "Erkenntnis von der Nichtigkeit von Liebe und Leben" - eine eigene Aura. Sie saugt den Zuhörer hinein in eine fremd-vertraute Welt, in der Zhuang Zhou bekennt: "Der Traum ist das Erwachen, das Erwachen ist der Traum." Qus "Versuchung" ist beides.</P>

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