Im Meer der Gefühle - Stuttgarts "Fliegender Holländer" Regisseur Calixto Bieito

Stuttgart - Zum ersten Mal bringt der wegen seiner oft skandalträchtigen Inszenierungen bekannt gewordene katalanische Regisseur Calixto Bieito ein Werk von Richard Wagner auf die Bühne. Premiere des "Fliegenden Holländers" ist am 25. Januar an der Stuttgarter Staatsoper.

Wie viel Kunstblut wird diesmal fließen?

Sehr wenig. Es stirbt auch niemand auf der Bühne. Gewalt ist nur wichtig, wenn sie im Stück steckt. Die Inszenierung ist weder mythisch noch gewalttätig, sondern sehr human und real. Ich inszeniere, was ich jeden Tag in den gestressten Gesichtern der Menschen sehe.

Was sehen Sie dort?

Unsere westliche Gesellschaft verliert immer mehr ihre Werte und sich selbst. In den U-Bahnen spricht niemand mit dem anderen, und keiner schaut den anderen an. Ich habe neulich einen als Ritter verkleideten Mann in eine U-Bahn in Barcelona geschickt und die Reaktionen gefilmt. Es gab keine. Wir werden nicht mehr von Solidarität, sondern von Egoismus gelenkt. Der Kapitalismus hat eine grausame Seite, und er schafft viele Menschen, die sich als Verlierer fühlen. Ich habe nichts gegen Fortschritt, aber viel gegen die Zerstörung der Menschlichkeit.

Wie zeigt sich diese "verlorene Gesellschaft" im "Holländer"?

Wagners Meer ist ein Meer der Gefühle und sein Schiff voller gestresster Geschäftsmänner, die in einem Gewitter von Seelenqualen und Panikattacken verloren gehen. Der Fliegende Holländer steht für einen arbeitslos gewordenen Geschäftsmann, der nicht weiß, wie es weitergeht, und in Depressionen verfällt. Er und Senta empfinden Verbundenheit und suchen Halt im anderen: Es ist eine sehr romantische Geschichte.

Wagner war selbst in finanziellen Nöten und hatte eine stürmische Schiffsreise hinter sich, als er die Sage des Fliegenden Holländers vertonte.

Vor drei Monaten wollte ich von Barcelona nach Berlin fliegen und alle Flüge wurden gestrichen. Gemeinsam mit einer Gruppe Geschäftsmänner saß ich zwei Tage lang in verschiedenen Flughäfen fest. Draußen war es düster, und wir waren alle so frustriert, dass wir kein Wort miteinander gesprochen haben - wegen eines verdammten Flugzeugs. Ich habe mich auf eine schlechte Art sehr einsam gefühlt. Alle meine Stücke entstehen spontan. Oft spüre ich die Melancholie eines Sonntagabends. Auch sie ist in die Inszenierung eingeflossen.

Ist der Mensch vor der Entfremdung zu retten?

Es wäre anmaßend zu behaupten, ich wüsste eine Lösung. Ich bin Opernregisseur und kein Arzt oder Politiker. Im Probenraum fühle ich mich manchmal so frei wie am Meer. Alles ist möglich. Die Oper ist ein fantastischer Ort, um die Realität darzustellen.

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