Im Meer aus rosa Schnee

- "Bitte, nehmen Sie eines", bettelt das Mädchen, doch rüde weisen die Passanten die Kleine zurück, und die paar Männer, die etwas freundlicher sind, wollen nur das eine. Bald wird das Mädchen sterben in einem Meer aus rosa Schnee _ und wieder auferstehen in einem Bildersturm aus Farben, schnellen Schnitten, Popmusik und ironischem Witz: Hans Christian Andersen trifft "Matrix" in "Resurrection of The Little Match Girl", einem der besten Filme, die bisher auf der Berlinale zu sehen waren.

<P></P><P>Der Koreaner Jang Sun-Woo tauscht Streichhölzer gegen bunte Feuerzeuge und versetzt Andersens "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in eine Science-Fiction-Cyberwelt. In seiner Mischung aus neuester Technik und klassischer Tradition ist der Film typisch für das asiatische Kino der Gegenwart.</P><P>Seit zwei Jahrzehnten ist die Berlinale für Ostasien die wichtigste europäische Adresse. 1988 gewann Zhang Yimou hier seinen ersten internationalen Preis, Ang Lee konnte gleich zweimal den Goldenen Bären mit nach Hause nehmen, Anfang der 90er wurde Wong Kar-wei hier entdeckt. Schnittorgien, fein ziselierte Bilder, in denen jedes Detail genau an seinem Platz ist, intensive zu Herzen gehende Dramen und harte, zugleich, sensible Gangstermovies: Ein reichhaltiges Panorama ist dies, das kaum auf einen Nenner zu bringen ist.</P><P>Einem besonders interessanten Projekt entstammt "Going Home" vom bekannten Hongkong-Regisseur Peter Ho-Sun Chan. Erzählt wird in melancholisch grau-blauen Bildern von einem Familiendrama in einer Hongkonger Mietskaserne aus der Kolonialzeit. Es handelt sich um einen von drei Teilen des ersten internationalen asiatischen Episodenfilms. Mit einem Thailänder und einem Koreaner wollte Ho-Sun Chan stilistisch und finanziell Neues ausprobieren.</P><P>Auch andere Beiträge aus Hongkong - allein 13 Berlinale-Filme kommen von hier - reflektieren den Umbruch der dortigen Gesellschaft und die wirtschaftliche Krise, die auch die Filmindustrie hart trifft. Zugleich belegen nahezu alle Filme, dass es noch immer Sinn macht, Hongkong-Kino von dem Festland-Chinas zu unterscheiden: Glatt und kommerziell, aber stilistisch beeindruckend gibt sich "Infernal Affairs" von Andrew Lau, ein erfolgreicher Krimi über zwei V-Männer, von dem bereits jetzt ein Hollywood-Remake in Arbeit ist. Künstlerisch hochklassig und trotzdem massenwirksam war wieder Johnnie To, dessen "PTU" wie ein europäischer Autorenfilm beginnt und sich dann mehr und mehr beim Kino Sergio Leones bedient.</P><P>Im Wettbewerb liefen nach Zhang Yimous begeisterndem "Hero" noch zwei weitere asiatische Filme: Aus China kam "Blinder Schacht" von Li Yang, der fünf Jahre die Kölner Filmhochschule besuchte. Vielleicht lernte er dort den Mut, gleich mehrere politische Tabus zu brechen: Er erzählt von zwei Bergarbeitern, zeigt elende Arbeits- und Lebensverhältnisse.</P><P>Doch neben das Sozialdrama tritt bald eine düstre Farce über Lüge und Selbstgerechtigkeit, als der Zuschauer erkennt, dass die beiden Kollegen morden, einen Arbeitsunfall vortäuschen und ihre Vorgesetzten um Schweigegeld erpressen. Auch die Korruption der chinesischen Gesellschaft ist hier gemeint.</P>

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