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Ihn graust’s – nicht nur während der Walpurgisnacht: Deshalb wurde Faust (Joseph Calleja) vom Teufel auf dem Stuhl festgeschnallt. 

Premierenkritik

"Mefistofele" in der Staatsoper: Ach, was sind wir heute verrucht

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München - So viel Debüt war selten: Roland Schwab inszenierte zum Saisonauftakt an der Bayerischen Staatsoper „Mefistofele“.

Vielleicht hießen sie Johannes, Theobald oder Friedrich, alles Vorgänger, die wie er irgendwann als Frischfleisch in Mefistofeles schwarzschwüler Hölle gelandet sind. Viele müssen das gewesen sein, denn der Teufel ist sichtlich genervt vom immer gleichen Abziehen der großen Verführungsnummer: Lack-Leder-Boys, Bierdimpfl-Hmpftata mit Wiesn-Karussell, Motorrad-Flug und natürlich eine Schicki-Party, auf der sie auftaucht, die Frau, die einzig Wahre, die das Opfer zum Verweilen bringen soll. Heinrich heißt der aktuelle Delinquent, und den graust’s vor dem Plunder. Den bösen Geist auch, der vertieft sich irgendwann in die Tageszeitung.

Mit einem Erdbeben beginnen und dann steigern, von diesem Hollywood-Grundgesetz hat Regisseur Roland Schwab nur die erste Hälfte realisiert. Arrigo Boitos „Mefistofele“ startet in der Bayerischen Staatsoper als Bildexplosion, als dunkle Zauberkunst eines Neinsagers im schicken violetten Anzug: Gott ist längst tot, die heil’gen Gesänge dröhnen knacksend vom Grammophon, deren Dur-Eruptionen per Dolby-Surround-Lautsprecher das Haus zum Beben bringen. Ja, und dann? Geht es der szenischen Münchner Erstaufführung (!) wie einem Riesenreifen mit Loch. Irgendwann ist die Luft raus, und der Abend fährt nur noch auf der Felge. Konvention, die sich mit netten Darkroom-Fantasien als Ambition tarnt. Ach, was sind wir heute verrucht.

So viel Debüt war selten bei einer Staatsopern-Premiere, für die Hauptrollenkräfte, für den Dirigenten, nicht zuletzt fürs Haus selbst. Dabei bietet Boito, der sich Goethes doppelten „Faust“ auf eine immens wirkungsvolle Schlaglicht-Folge zurechtgestutzt hat, nahrhaftestes Opernfutter. Für einen Regisseur, der die brüchige, avancierte Dramaturgie des Stücks als Einladung begreift (und sie annehmen kann). Nicht zuletzt für Musiker, die sich – unter Wahrung der guten Erziehung – mal richtig effektvoll daneben benehmen dürfen. Omer Meir Wellber treibt mit dem Bayerischen Staatsorchester und dem aufmerksam mitgehenden Chor Boitos Bizarrerien ein gutes Stück weiter. Es gibt Momente, die einen in den Sitz drücken. Dann wieder sehrend schöne Bögen, grell herausgemeißelte Details, versonnen ausmusizierte, nie spannungslose Ruheinseln, auch Unschärfen und für die Sänger zu Lautes (beides verschmerzbar), kurz: Höreindrücke, als ob ein wahnwitziger Koch Zutaten zum süßsauerscharfbitteren Eintopf verrührt hat.

Mag sein, dass hier das Grundproblem der Aufführung liegt. Wo Boito ein Stück entworfen hat, an dem auf herrliche, fast verheerende Weise die Fliehkräfte zerren, bleiben Roland Schwab, Bühnenbildner Piero Vinciguerra und Renée Listerdal (Kostüme) bei Einheitsbild und -einfall – und so, als ob sie vor der wirklichen Provokation zurückschrecken: Die Ressourcen eines Staatsopern-Supertankers haben schon ganz andere brav werden lassen. Ein riesiges Tunnelgitter also (eine Reminiszenz an Götz Friedrichs Berliner „Ring“), Taschenspielertricks mit Feuer, zur Walpurgisnacht spielen die Hubpodien verrückt, alles eine Erfindung des cool gockelnden Mefistofele. Was sich zwischen ihm und seinem neuen Opfer entwickelt, sieht man nicht. Psychologische Feinjustierungen gibt es kaum. Man drängt zur Rampe, vor allem Joseph Calleja als Faust, der sich so benimmt, als habe man ihn für „Rigoletto“ gebucht und erst im letzten Moment aufgeklärt.

Dafür singt Calleja, wie man es sich hinreißender nicht vorstellen kann. Wenn er den Mund aufmacht, scheint es, als ob auf der Bühne das Licht angeknipst wird. Mit enormer stimmlicher Präsenz, wachsweichen Phrasen, musterhaft entwickelten Höhen, mit einer einsam leuchtenden vokalen Qualität also, die nach Entsprechendem auf weiblicher Seite verlangt hätte. Kristine Opolais ist als Bühnentier immer ein Selbstläufer. Singen versteht sie als Entäußerung. Die Folge: Ihre Margherita muss ohne Ebenmäßigkeit des Klangs, auch ohne Verzierungen auskommen, Resonanz wird unter Druck erkauft. In Arkadien hat Faust ebenfalls kein Glück, Karine Babajanyan ist als Elena eher unterbesetzt.

Und René Pape? Stellt sich auf bewundernswerte Weise dem großen Debüt. Kernig tönt dieser Mefistofele, sehnig, immer am Schönklang orientiert, ein Kerl, kein Dämon. Manch prominenter Rollenvorgänger mag für den Teufel sein Bassgeschütz in Stellung gebracht haben, Pape arbeitet anders. Auch weil die Extremlagen, gerade im Forte, allenfalls zu 95 Prozent glücken, hätte man sich mehr Florett gewünscht, doch bräuchte es dafür einen anderen Dirigenten. Erstaunlich auch, dass Pape in vielen Szenen wie weggeblendet ist, so, als habe ihn Regisseur Schwab vorübergehend und unschlüssig außerhalb des Lichtspots abgestellt.

Erst am Ende bekommt Mefistofele sein großes Solo, dann, wenn alles vorbei ist. Arkadien, das ist hier eine Alzheimer-Klinik. Wo Vergangenes nur aufblitzt, wo sich Patienten im Kreis sitzend einen Ball zuwerfen, wo sich auch Faust auf rührende Weise an Pflegerin Elena heranmacht. Im Vergessen, sei es auch noch so krankhaft, liegt also Erlösung? Dagegen, so zeigt der plakativ davonzitternde Titelheld, ist selbst der Teufel machtlos. Ein paar Buhs für Regisseur Schwab, ansonsten heftige, der Partitur angemessene Ovationen. Großteils galten sie wohl dem Komponisten.

Weitere Vorstellungen

am 29. Oktober sowie am 1., 6., 10. und 15. November; Telefon 089/ 2185-1920. Die Vorstellung am 15. November wird unter www.staatsoper.de/tv im Internet übertragen.

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