Mehltau in Kriegszeiten

- Allzu leicht ließe sich's ja über das Stück spotten. Der dumme, den Herrn Schwiegerpapa fällende Pistolenschuss, die unerkannten, anfangs im Duett vereinten Kontrahenten, das doppelt mortale Finale - sogar Komponist Giuseppe Verdi mäkelte über seinen Textdichter, bei so vielen Absurditäten sei es doch ein Wunder, "dass nicht wenigstens der Impresario getötet worden ist".

Maestro stapelte tief: "La forza del destino" (Die Macht des Schicksals) bietet immerhin eine wirkungsmächtige Tragödie vor der Folie eines grausamen Krieges, bezieht hier auch Stellung und ist damit sogar ein entfernter Verwandter von Karl Amadeus Hartmanns "Simplicius Simplicissimus", mit dem am Montag die Münchner Opernfestspiele eröffnet wurden.

War dies noch eine Stuttgarter Leihgabe, folgte tags darauf die große Premiere im Nationaltheater: Verdi! Festspiele! Das Haus folglich im Ausnahmezustand, die Gemeinde in schweißtreibender Gala. Und die Bühne? Hüllte sich ins dünne Provinzmäntelchen. Letzteres verwundert dann doch, gerade bei David Alden, der stets als Erster "Hier!" zu rufen scheint, wenn die Staatsoper mit einem Auftrag winkt. Was man auch immer gegen den Hausregisseur vorbringen mag: Sein Bilder- und Gag-Füllhorn ließ ihn bislang kaum im Stich, täuschte notfalls mit Kreativität über Inhaltsarmut hinweg.

Doch bei Verdis gar nicht so krudem Schicksalswerk zeigte Alden Ausfallerscheinungen. Keine schlechte Idee war es, alles in die Entstehungszeit zu verlegen, Beziehungen also zur italienischen Einigungsbewegung anzudeuten (Ausstattung: Gideon Davey). Doch dabei belässt es die Aufführung auch schon, bietet nur Herren in Gehröcken, das übrige Personal in unvorteilhafter Kostümierung, freimaurerische Mönche, auch Kinder im Deportationswaggon oder Männer, die an die Wand gestellt werden, wenn der Chor "Bim, Bum" macht. Leonoras Klosterleben wird durch einen Fels symbolisiert, der wohl von der hiesigen "Aida" übrig war, und von der Decke senkt sich gelegentlich die "Überfahrt in die Unterwelt" des Alten Meisters Joachim Patinir.

Fleißig werden hässliche Kulissen geschoben, auch mal auf ein hörbares Kommando aus der linken Gasse: Zu Herzen gehend oder Schrecken erregend ist das alles nicht, entlarvt vielmehr die Unschlüssigkeit, mit der die Regie an Verdi herumpuzzelt: Warum Alden das Stück überhaupt inszenieren wollte, bleibt sein Geheimnis.

Glutvolles von Dirigent Fabio Luisi

Völlig im Stich gelassen werden die Sänger, die sich benehmen, als seien sie erst seit drei Tagen an der Maximilianstraße und notdürftig eingewiesen worden. Ohne Kontakt zum Partner und festen Blickes auf Dirigent Fabio Luisi wird gern an die Rampe geschritten, um dort Arien und Duette "zu geben". Und den Mann am Pult trifft damit das härteste Los, ist Luisi doch zum Emotionsspender des Abends verdammt. Das macht er erwartungsgemäß gut. Doch wer sich an eine frühere Münchner "Forza"-Serie erinnert, weiß, dass Luisi auch heißblütiger, aggressiver sein kann.

Gewiss: Statt des ortsüblichen, sämigen Verdi-Sounds bekommt man Sehniges, Glutvolles zu hören. Das Staatsorchester stachelt Luisi zu einem offensiven, in kräftigen Farben leuchtenden Klang an. Für Lyrismen gönnt er sich inzwischen mehr Zeit, was in der Ouvertüre oder in der Einkleidungsszene schöne Momente beschert. Aber manchmal legt sich auch Mehltau über die Interpretation, die man sich rhythmisch noch zündender vorstellen könnte: Luisis Schuld muss das nicht sein - wenn die Szene durchhängt, kann das durchaus auf die Musik ausstrahlen.

Für Violeta Urmana, einst hier im Opernstudio aktiv, bedeutete diese "Forza" ihre erste große Münchner Premiere. Der Aufschwung ins Sopranfach ist ihr gut bekommen: Die Leonora singt sie durchdacht, mit weicher, sehr gehaltvoller, bruchloser Stimme und erstaunlich langen, immer am Text und nie am eitlen Ausdruck orientierten Phrasen. War anfangs noch hörbar, wie hoch die Partie eigentlich liegt, verschwanden die Irritationen später, vor allem beim "Pace, pace", das mühelos an große Vorgängerinnen anknüpfte.

Franco Farina (Alvaro) hat Stimmbänder für Schwergewichte à` la Otello. Und das führte er auch vor, doch ehrt ihn, dass er sich oft zurücknahm, im Mezzavoce Geschmack und Stilkunde offenbarte. Dagmar Peckova kann eine intensive Gestalterin sein, das kennt man aus anderen Rollen - für die Preziosilla jedoch war ihr Mezzo zu leichtgewichtig, zu harmlos. Weitere Besetzungspanne: Mark Delavan (Carlo), dessen diffuser, knödeliger Bariton eigentlich nur unter großem Druck oder im Piano richtig klingt, nie aber im Gebrauchszustand.

Franz-Josef Kapellmann nutzte effektvoll Fra Melitones buffoneskes Potenzial, der Chor sang gewohnt markig und klangschön, zu 90 Prozent auch präzise. Und Kurt Moll (Padre Guardiano) bewies mit nach wie vor unerreichter Bass-Autorität: Das Thronen auf einem Stuhl inklusive gelegentlichem Blicken in ein Buch reicht für charismatische Momente völlig aus.

Nach vier Stunden recht kurzer Beifall. Luisi wurde fast demonstrativ gefeiert, Alden erhielt Buhs. "Etwas zu viel" habe er in München inszeniert, wie der Regisseur in dieser Zeitung kürzlich einräumte; nach Ende der Ära Peter Jonas sei eine Pause fällig. Eine Selbsterkenntnis, die durch diese Premiere hinreichend gestützt wird.

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