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„Weniger Kleinmut“ fordert Buchhändlerin Regina Moths von ihrer Zunft. Ihr Geschäft in München wurde gerade zur „Buchhandlung des Jahres 2009“ gewählt.

„Mehr aufrechter Gang!“

München - Regina Moths, Inhaberin der „Buchhandlung des Jahres“, über ihre Berufung, Leseleidenschaft – und wie man sie anregt

Die Konkurrenz durch das Internet und Buch-Kaufhäuser scheint erdrückend. Dennoch behaupten sich kleinere Buchhandlungen – wie „Literatur Moths“ unweit des Münchner Isartors. Jetzt wurde das Geschäft von Regina Moths zur „Buchhandlung des Jahres“ gewählt. Hier verrät die Chefin ihre Wünsche für die Zukunft.

Wie wäre es mit einer belletristischen Dauerwerbesendung im Fernsehen? Manikürte Hände halten ausgewählte Buchkörper in die Kamera – und oben rechts auf dem Bildschirm werden die aktuellen Verkaufszahlen eingeblendet. Hach! Denis Scheck („Druckfrisch“, ARD) hätte endlich mehr Zeit, seine großartigen Autoren-Interviews zu führen. Viel lieber würde ich allerdings mit dem von mir sehr geschätzten Hoffnungsträger in der kargen Landschaft feiner Literaturkritik eine mobile Entsorgungspresse für veraltete Kindle-Modelle betreiben, einen Schredder der Speicherplätze von Büchern.

Wir richten ein Sorgentelefon ein für klassikermisshandelte Schüler, und die Verantwortlichen in den Kultusministerien werden so lange mit Reclambändchen beworfen, bis sie aufhören, Literatur auf die Lehrpläne zu setzen, die auch noch das letzte Interesse der Schüler abwürgt.

Verleger. Wir wollen sie feiern als Ermöglicher feiner Druckerzeugnisse wie Langewiesche-Brandt oder Beck. Persönlichkeiten wie Antje Kunstmann und...? Nein! Ich höre sofort auf, weil man immer jemanden vergisst. Und schließlich ist hier kein Platz, um meine ganze Liste geliebter Verursacher feiner Lesefreuden vorzutragen. Kurz: Verleger mit Haltung zum Buch, nicht zur Buchhaltung. Um richtig verstanden zu werden: Ich will keine Träumerle. Weder unter Verlegern, noch unter Buchhändlern. Die Formulierung „engagierte Buchhändlerin“ fasse ich als Geschäftsschädigung gegenüber meiner Professionalität auf. Wo ich wohne, gibt es einen hervorragenden Metzger. Niemand würde auf die Idee kommen, ihn „engagierten Metzger“ zu nennen. Er ist einfach kompetent, versteht sein Handwerk. Dafür wird er geachtet und ausreichend (!!!) mit Geld beworfen. Das wollen wir auch!

Leseförderung. Ich bin kein Kulturpessimist, aber ich finde viel Mist: Natürlich ist jedes Nachwuchslesegefuchtel besser als kein Kinderprogramm. Finde ich gut. Weiter so. Doch wer kümmert sich um die nicht mehr lesenden/vorlesenden Eltern? Die Berufstätigen, die Gehetzten, die Genervten, die für jede Literatur verlorenen Seelen? Sofort greifende Leseeinstiegshilfen sind einzuleiten: Mrs. Poppins werde Bestandteil der Schwangerschaftsgymnastik; Dickens’ „David Copperfield“ muss auf jedem Juristenkongress als Fachliteratur ausliegen; die Geschäftsberichte der Banken basieren auf der Kenntnis von Hauffs „Das kalte Herz“. Geduld gegenüber dem Kunden, der einen Prachtbildband unter zehn Euro zu „Barfußwandern in Buthan“ sucht. Stopp. Keine Publikumsbeschimpfung. Im Gegenteil. Es sind unsere Kunden, die uns Motivationstäler durchschreiten lassen und uns die Gemütsdellen ausbeulen. Ihnen Dank und Knicks.

Und sonst? Mehr aufrechter Gang, weniger Kleinmut. Hey, ihr Kollegen: Wir sind die Supermodels auf den Laufstegen unserer Buchhandlungen! (Ich flehe um den Verzicht auf das den Gang in ein Hatschen nötigendes Gesundheitsschuhwerk.) Und: Wir haben supersexy Ware!

Apropos. Ich neige dazu, jedes Mal, wenn ich aus dem Ausland komme, versöhnlicher mit unserem Buchhandel zu sein. In keinem europäischen Land, schon gar nicht in Übersee, finde ich so viele, schöne, sorgfältig gemachte Bücher in so großer Auswahl. Und so preiswert! Da gibt es nichts zu meckern. Tu’ ich ja auch nicht.

* Regina Moths führt seit 1994 die Buchhandlung „Literatur Moths“ (Rumfordstr. 48). Ihr Beitrag, den wir in Auszügen nachdrucken, erschien in „prego:“ (2/2009), dem Kundenmagazin des Edel-Verlags, Hamburg (www.edel.de).

Regina Moths*

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