Mehr Don Carlos gibt es nicht

- Sollten sich die Gerüchte bei der EMI bewahrheiten, dann steht das Ende einer Ära bevor. Es wäre, zumindest bei dieser Firma, das Aus für Opern-Gesamtaufnahmen, die im Studio produziert wurden - zu aufwändig, zu teuer, zu zeitraubend. Doch die Alternative ist kein Notbehelf, wie etwa die Kollegen von Orfeo seit Jahren vorführen: Musiktheater live, dies in Zusammenarbeit mit Rundfunkanstalten und Opernhäusern und meist auf hohem technischen Niveau.

Pathos vor dem Apfel-Schuss

Fast in Studioqualität gelang etwa Verdis "Don Carlos" aus der Wiener Staatsoper, der vollständigste, der jemals auf der Bühne zu erleben war. Es handelt sich um die fünfaktige französische Fassung von 1866, die  Verdi noch vor Probenbeginn abgeliefert hatte und die später gekürzt, schließlich vom Meister selbst umgearbeitet und weiterentwickelt wurde. Wir hören also, neben diversen Erstfassungen von Duetten und Arien, die Ballettmusik und einen kompletten ersten Akt, in dem das handlungsentscheidende musikalische Material eingeführt wird.

Vieles ist von konventionellerer "Bauart" und ausufernder als die geschärfte italienische Version von 1884. Doch demonstriert diese Aufnahme auch, wie viel in der Endfassung verloren ging: Momente, die das Riesenwerk in der Balance halten.

Die Wiener adaptierten 2004 Peter Konwitschnys einzigartige Hamburger Produktion, ergänzten sie sogar um noch mehr Musik - und schafften den Coup. Bis auf Nadja Michael als eine Eboli mit (zu) hochdramatischem Aplomb wurde dieser "Don Carlos" mit leichteren Stimmen besetzt, die wunderbar zum französischen Idiom, auch zur durchlüfteten Instrumentation passen. Der großartige Ramon Vargas (Don Carlos) und Alastair Miles (Philipp II.) sind ausdrucksmächtige Stilisten. Bo Skovhus singt einen pointierten, emotionalen Posa, einzig das verschattete Timbre von Iano Tamar (Elisabeth) irritiert. Bertrand de Billy ist der ideale Anwalt für die 1866er-Fassung, erzielt einen schlanken, farbenreichen Gestus, der selbst das Autodafé´ nicht ins Knattern bringt.

Eine ebensolche Perle ist Rossinis "Wilhelm Tell" aus demselben Haus. Ein Stück, das wie "Don Carlos" in der Tradition der französischen "Grande Opé´ra" steht. Für Fabio Luisi als Dirigent des Live-Mitschnittes kein Grund zur Zurückhaltung. Das Orchester der Wiener Staatsoper klingt enorm wendig, nervig und nie zu gewichtig, Chor und Musiker agieren ständig im oberen Drehzahlbereich. Thomas Hampsons Tell ist anzuhören, dass er durch den Freiheitskampf hart und unerbittlich geworden ist. Ein aufbrausender, rauer Held, der sich vor dem berüchtigten Apfel-Schuss auch großes Pathos gestattet.

Vergessenes Meisterwerk in vollendeter Schönheit

Giuseppe Sabbatini gehört zur raren Spezies jener Tenöre, die sich die Partie des Arnold überhaupt zumuten. Die Geschmeidigkeit eines Nicolai Gedda wird wohl ewig unerreicht bleiben, doch schwingt sich Sabbatini mit stechendem Timbre und guter Technik zu Extremhöhen auf - eine imponierende Leistung, gegen die sich Nancy Gustafson (Mathilde), die nicht die erforderliche Agilität mitbringt, kaum durchsetzen kann. Egils Silins (Gessler), Dawn Kotoski (Jemmy) und Mihaela Ungureanu (Hedwige) demonstrieren auch in kleineren Partien, dass die Wiener Staatsoper eine Sternstunde erlebte.

Weiter auf Studioproduktionen setzt die Deutsche Grammophon vor allem beim vorklassischen Repertoire. Glucks "Paride ed Elena" unter der Leitung von Paul McCreesh entstand in Verbindung mit einer Tournee. Die Oper thematisiert die Begegnung des Trojaner-Prinzen Paride, der um die anfangs widerspenstige Spartaner-Königin Elena wirbt. Ein Werk, für das Gluck - McCreesh kostet das aus - eine empfindsame wie anmutige, sinnliche wie exotisch angehauchte Musik schrieb. Magdalena Kozená´ gestaltet den Paride kontrolliert, mit einer nach innen gerichteten Intensität, steigert sich dann, in der Enttäuschung über die unwillige Angebetete, zu emphatischer Größe. Dazu kontrastiert reizvoll die offensivere Stimmführung von Susan Gritton (Elena).

Ganz Gluck-gemäß ist bei allen Beteiligten nie eitle Selbstverwirklichung zu hören, sondern eine Interpretation im Dienste der dramatischen Wahrhaftigkeit. Ein Meisterwerk, dem Publikum und Intendanten sofort verfallen müssten, spätestens bei der großen Arie des Paris: Wer kann solch vollendeter Schönheit widerstehen?

Giuseppe Verdi: "Don Carlos", Orchester der Wiener Staatsoper, Bertrand de Billy (Orfeo); Gioacchino Rossini: "Wilhelm Tell", Orchester der Wiener Staatsoper, Fabio Luisi (Orfeo); Christoph Willibald Gluck: "Paride ed Elena", Gabrieli Consort & Players, Paul McCreesh (Deutsche Grammophon).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Zuschauer des BR-Fernsehens kennen Vivian Perkovic von den Sendungen „Jetzt mal ehrlich“, „Puls“ und „on3-Südwild“. Seit einem Jahr ist die 39-Jährige, die etwa auch …
„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
„Zombie“ war der größte Hit der Band The Cranberries. Völlig überraschend ist Sängerin Dolores O’Riordan jetzt mit 46 Jahren gestorben. Unser Nachruf: 
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Wie ein normaler Arbeitstag bei den „Philis“ aussieht, verrät der Soloflötist Herman van Kogelenberg (38). Wir begleiteten ihn von der Probe am Samstag bis zum Konzert …
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie …
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben

Kommentare