Mehr als die Hülle von Funktionen

- Kunst lebt von Freiheit und Offenheit: Offenheit für neue Ideen, für unterschiedliche Betrachtungsweisen, aber auch für kulturelle Einflüsse aus anderen Ländern und Epochen. Das neue Gebäude des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au ist von dieser Offenheit geprägt." Dass es damit Diskussionen auslösen wird, dessen ist sich Kunstminister Thomas Goppel sicher.

"Schließlich hatte die recht schräge Architektur des Erweiterungsbaus der Münchner Akademie der Bildenden Künste schon im Vorfeld für Kritik gesorgt. Trotzdem herrschte bei der Übergabe des Baus gestern eitel Freude: Die Wanderungen der rund 700 Studenten zu Provisorien in ganz München hat nun ein Ende. 20 Millionen Euro ließ sich der Freistaat den Neubau kosten, weitere 40 Millionen Euro werden in die Sanierung des Hauptgebäudes investiert, die bis 2008 abgeschlossen sein soll. "Wer Kunst kaputt spart, anstatt sie konsequent zu fördern, der zerstört auf Dauer seine Geschichte und seine Identität - und damit auch seine Zukunft", verteidigte Goppel die Summe als "Investition in die Gesellschaft".

1967 entwarf der damalige Direktor Sepp Ruf einen Anbau, der die Steinbaracken als Domizil ablösen sollte. Verwirklicht wurde der Plan nicht. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich neben dem Kunstbetrieb in den dunklen Kleinräumen eine "dichte Mäuse- und Schädlingspopulation durch", so Rektor Nikolaus Gerhart ironisch. Ab der schrittweisen Durchsetzung der Neubaupläne 1992 (Bauauftrag erst 2002) begann für die Klassen eine Odyssee, ständige Umzüge in neue Dependancen allerdings würdigte der Rektor auch als Vorübungen und wichtige Hilfe, nun eine "architectura immaculata" von 4714 Quadratmetern in Besitz nehmen zu können.

"Architektur hat nicht die Aufgabe, die Hülle von Funktionen zu sein, sondern sie muss auch durch ihre Ästhetik ermöglichen, dreidimensionale Querbezüge in der Kultur unserer Gesellschaft ablesen zu können", erläuterte Architekt Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au. "Unsere Gesellschaft ist nicht die einer Ausschließlichkeit, sondern sie ist eine Gesellschaft der Gleichzeitigkeit von Systemen." Die Quergänge und Querverbindungen symbolisierten also eine zukunftsweisende Vernetzung.

Tendenz am Festabend war, das Nebeneinander von Alt- und Neubau als kulturelle Wurzel und stetige Weiterentwicklung zu deuten. Besonders eingängig tat das der ehemalige Rektor Ben Willikens, der die Akademie ebenso als "Gedächtnis der Kunst" wie als "Geheimnis der Kunst als Gegenwelt" verstanden wissen will. "Kunst macht Welt sichtbar. Man muss den Künstler nicht unbedingt verstehen, und das, was er schafft - aber lieben und achten sollte man ihn, dafür, dass er wie Bacchus den Spiegel hält - in dem sie erscheint, jene andere Welt."

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