Mehr Kind als Mann

"Parsifal"-Debüt an der Staatsoper: - Manchmal braucht es nur acht Worte, die einen sofort gefangen nehmen. Zum Beispiel "Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht", der erste Satz dieser Strauss-Oper, und auf einmal rückt die Nebenrolle Narraboth ins Zentrum der Aufführung. Nikolai Schukoff ist solches an der Bayerischen Staatsoper gelungen.

Und da war es nur logisch, dass das Haus ihm die höheren Weihen verlieh. Am besten gleich in Form eines "Bühnenweihfestspiels": Am Sonntag singt der gebürtige Grazer in München seinen ersten "Parsifal".

"Angst vor dem Krebs habe ich nicht mehr."

Nikolai Schukoff

Graz? So ganz lässt der Name nicht darauf schließen. Das mussten auch russische Kollegen feststellen, die mit ihm für Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" engagiert waren und Schukoff beherzt in ihrer Heimatsprache anredeten. Ohne Erfolg. "Ich habe einen russischen Opa väterlicherseits, aber von der Sprache sind bei mir nur Brocken hängen geblieben." Sich selbst bezeichnet Schukoff als "Mischkulanz aus verschiedenen Ländern der K.u.K.-Monarchie".

Mag München erst jetzt auf diesen Tenor aufmerksam geworden sein: Der 38-Jährige hat bereits eine beachtliche Karriere hinter sich. Fachgrenzen? Fehlanzeige. Von der Kálmán-Operette über den Tamino bis hin zum Siegfried in der "Götterdämmerung" reicht Schukoffs Einsatzgebiet. Was sicherlich mit seiner Aufgeschlossenheit, seiner sofort spürbaren Neugier zusammenhängt, aber auch mit seiner recht arbeitsreichen Ensembletätigkeit in Gelsenkirchen, Mannheim und Nürnberg.

In Mannheim erfuhr sein Leben eine entscheidende Wende,was indes weniger an der Musik lag. "Eine Zeitlang habe ich mich total schlapp gefühlt." Schukoff schob das auf die vielen Auftritte, doch sein Arzt stellte eine schockierende Diagnose: Krebs. Vor fünfeinhalb Jahren wurde Schukoff also operiert, musste anschließend noch drei Chemotherapien über sich ergehen lassen.

Die Krankheit ist gottlob überwunden. Körperlich. Und, so freimütig wie Schukoff darüber spricht, wohl auch seelisch. "Was ich gelernt habe: Ich lebe jetzt so, dass ich nichts auslassen will", sagt er und holt einen alten Ausweis aus der Brieftasche, der ihn glatzköpfig zeigt. "Angst vor dem Krebs habe ich nicht mehr, aber die Dankbarkeit allem gegenüber ist nun viel größer geworden."

Wer Schukoff begegnet, lernt einen ungewöhnlich offenen, sehr nachdenklichen, dennoch unkomplizierten Künstler kennen. Zwar sagt er von sich: "Ich lasse alles mit mir machen." Doch vorstellbar ist schon, dass er bis nachts um drei über Inszenierungen diskutiert. "Es gibt halt Regisseure, die betrachten Regie als Psychotherapie. Als Sänger ist man dann auf der Bühne mit den Problemen anderer konfrontiert, das liegt mir eher weniger."

Eine gesunde Distanz zum Musikmarkt hat sich Schukoff bewahrt. Und wenn er über seinen Beruf nachdenkt, dann kommen dabei schon mal hintergründige, ironische Sätze heraus, die man am liebsten im Zitatenhandbuch sehen möchte: "Seien wir ehrlich. Singen ist wie Arbeit gegen die eigene Sterblichkeit. Wir wollen doch überall wie ein Hund das Bein heben und eine Marke hinterlassen."

Schukoff ist froh, dass er den Absprung ins freie Künstlerleben geschafft hat. "Wahnsinnig schwer" sei es gewesen, in einem festen Ensemble zu sein. "Für mich war Theater anfangs echter Familienersatz. Und ich wollte, dass meine dortigen ,Eltern’ stolz auf mich sind. Bis ich merkte: Kein Theaterleiter ist stolz auf dich, es bleibt eine Arbeitsbeziehung."

Während seines Salzburger Studiums hat er oft neidvoll nach München geschielt. Dass es nun mit dem "Parsifal" geklappt hat, empfindet er als "irrsinnigen Glücksfall". Ohnehin stecke in der Rolle viel von ihm. "Ich bin schon ein bisserl knabenhaft, und ungestüm. Ich fühle mich mehr als Kind denn als Mann." Außerdem habe er wie Wagners Held nach einem traumatischen Moment angefangen zu suchen. Und bald festgestellt: "Es geht weiter."

Auch wenn er momentan seinen Beruf inniglich liebt: Schukoff kann sich schon vorstellen, die Sache an den Nagel zu hängen, sollte jemals dieses Brennen fürs Singen erloschen sein. "Es gibt schließlich schon zu viele Kollegen, die resigniert haben." Dabei ist Schukoff selbstbewusst genug, sich genau einzuschätzen - und auch mal verlockende Angebote abzulehnen. So hat Claudio Abbado für einen zweiten Zyklus seines geplanten "Fidelio" angefragt. Doch zehn Tage Probenzeit für die heikle Partie des Florestan? Schukoff lehnte zum Entsetzen seines gesamten Freundeskreises ab, will seine Entscheidung aber Abbado in einem Brief erläutern.

Vom Berufsfrust ist Schukoff jedenfalls noch weit entfernt. Nur zu gern wirft er sich in einen Abend hinein. "Ich habe eben einen Zugang zu überbordender Emotionalität gerade bei italienischen Komponisten oder bei Wagner. Ich gebe zu, dass ich da gefährdet bin. Am Ende der ,Götterdämmerung’ zum Beispiel habe ich geheult wie ein Schlosshund." Nicht jede Vorstellung gelinge dabei perfekt, räumt Schukoff ein. "Wichtig bleibt jedoch immer, dass man was zu sagen hat - und dass man wirklich jeden Moment ehrlich singt."

Ein Idealist also. Einer, der sogar so weit geht, "dass ich während der Probenarbeit immer die Möglichkeit suche, meine Partnerin zu lieben". Natürlich im übertragenen Sinne. Erst durch diesen Gleichklang könne man innerhalb vorgegebener Grenzen improvisieren, auch Situationen neu kreieren. Wobei er dies etwas zu wörtlich genommen hat: Bei Bizet hat‘s nämlich gefunkt, mittlerweile lebt Nikolai Schukoff mit seiner Bühnen-Carmen in Paris zusammen.

Vorstellungen am 1., 5. und 8. April im Nationaltheater.

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