Mehr als nur ein Märchen

- Große Dirigenten scheinen derzeit Probleme mit ihren CD-Firmen zu haben: Nikolaus Harnoncourt trennte sich im Streit von Teldec, Erato wollte Ton Koopmans Projekt der Bach-Kantaten nicht fortführen, sodass Koopman dafür eine Firma gründete. Und auch Sir John Eliot Gardiner, Weltstar nicht nur in Sachen Alte Musik, hat nun sein eigenes Label: SDG, die Abkürzung für "Soli Deo Gloria" (Gott allein sei Ehre), jene Worte, die Bach unter seine Partituren schrieb. In diesen Tagen erscheinen die ersten beiden von insgesamt 50 CDs mit Bach-Kantaten.

Empfinden Sie nun, nach dem Abschied von der Deutschen Grammophon, Genugtuung, Schadenfreude oder gar Wut?<BR><BR>Gardiner: Schadenfreude sicher nicht. Wir müssen einfach realistisch sein: Die Firmen produzieren weniger Studioaufnahmen. Überhaupt hat es die klassische Musik bei den CD-Labels immer schwerer. Das bedauere ich. Schließlich wächst eine neue Generation von Künstlern heran, die auch neue CD-Gelegenheiten braucht. Und die gibt es leider nicht mehr in dem Maße, wie es mir früher geboten wurde. Insofern wollen wir mit SDG auch den Jüngeren eine Chance geben.<BR><BR>Konzentriert sich SDG ausschließlich auf Bach-Kantaten?<BR><BR>Gardiner: Der Monteverdi Choir, die English Baroque Soloists und ich haben ja im Bach-Jahr 2000 eine weltweite Tournee, unsere "Pilgrimage", unternommen und alles mitgeschnitten. Nach einigen CDs hat sich die Deutsche Grammophon relativ spät dazu entschlossen, das Projekt nicht weiterzuführen. Mit einigen privaten Sponsoren werden wir dies nun trotzdem tun. Darüber hinaus denke ich an spanische A-cappella-Musik vom 12. bis zum 17. Jahrhundert, die wir in Santiago aufgeführt haben.<BR><BR>Was ist in den letzten Jahren schief gelaufen bei den großen CD-Firmen?<BR><BR>Gardiner: Es ist schon zu diskutieren, ob immer die richtige Politik verfolgt wurde. Vielleicht auch, weil man zu sehr auf den Markt und seine vermeintlichen Erfordernisse geschaut hat und dabei seine künstlerische Philosophie etwas vergessen hat.<BR><BR>Alle Welt interessiert sich nur für Bachs Passionen und die h-moll-Messe. Warum kommen die Kantaten dabei so schlecht weg?<BR><BR>Gardiner: Zum einen liegt das sicher an der lutheranischen Liturgie. Die Kantate war für die Kirche gedacht, ist also keine Konzertmusik. Andererseits gibt es eben so viele, was eine gewisse Unüberschaubarkeit für den Musikfreund bedeutet. Seit Karl Richter haben nur wenige Dirigenten Intitiativen zugunsten der Kantaten unternommen. Nachdem ich die Kantaten kennen gelernt habe, hat sich meine Haltung zum Beispiel zur Johannes-Passion total geändert. Offenbar war sie als Hauptmusik in Bachs erstem Kantaten-Jahrgang gedacht, eine riesengroße Kantate, wenn Sie so wollen. Und Ähnliches beabsichtigte er mit der Matthäus-Passion. Die Kantaten werden noch viel populärer werden, glauben Sie mir.<BR><BR>Ob das nicht zu optimistisch gedacht ist?<BR><BR>Gardiner: Das hängt natürlich mit der Popularität von barocker Musik ganz allgemein zusammen. Außerdem verspüren manche Durst auf ein geistliches Erlebnis, der nicht mehr durch unsere heutigen Gottesdienste gestillt werden kann.<BR><BR>Bei der Matthäus-Passion ist das ja schon zu beobachten: Statt in die Kirchen strömen die Menschen in den Konzertsaal, um am Karfreitag ihren Ersatzgottesdienst zu genießen.<BR><BR>Gardiner: Aber war das nicht schon immer so? Hat nicht die Passionsmusik schon immer aufgrund ihrer großen Theatraliät diesen Zweck erfüllt? Zu Bachs Zeiten gab es kein Fernsehen, kein Kino, da spielte die Aufführung dieser hochdramatischen Werke eine ganz besondere Rolle. Und bei aller Säkularisierung unserer Welt wird es bei vielen immer eine Tendenz zum Geistlichen geben, auch wenn die Kirchen manchmal keine Heimat für diese Menschen bieten können.<BR><BR>Muss man ein gläubiger Mensch sein, um die Matthäus-Passion zu dirigieren?<BR><BR>Gardiner: Nein. Aber man muss verstehen können, was hinter den Noten und hinter dem Text steht. Und dass es mehr ist als nur ein Märchen oder eine besonders spannende Geschichte. Ich sage immer: Die beste Aufführung ereignet sich, wenn alle Orchestermitglieder, alle Sänger und alle Zuhörer im Moment des Erklingens glauben, ohne gleich hinter dem Dogma einer Kirchenrichtung zu stehen. Deshalb zeigen die CD-Cover unserer Kantaten auch keine Kreuze, keine Heiligenbilder oder Ähnliches, sondern Menschen aus Afghanistan oder Burma. Wir wollen die weltumspannende Sprache Bachs verdeutlichen.<BR><BR>Am 10. April gastieren Sie in München mit dem London Symphony Orchestra. Warum waren Sie noch nie mit Ihren eigenen Ensembles, dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists, hier?<BR><BR>Gardiner: An München habe ich wunderbare Erinnerungen. Als Student habe ich Bach-Motetten mit Karl Richter in der Markuskirche gehört, war auch zu einem Konzert in Ottobeuren. Warum wir noch nie hier waren? Da müssen Sie mit den Veranstaltern schimpfen. <P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare