Mehr als Träumereien - Pinakothek der Moderne: Zeichnungen des Architekten Alvar Aalto

München - "Gott schuf das Papier, um darauf Architektur zu zeichnen." Da war sich Alvar Aalto ganz sicher. Die Geschenke Gottes nutzte der finnische Kultarchitekt (1898-1976) ausgiebig: Sein malerisches Talent, das Gespür für die Landschaft, die Gabe der räumlichen und praktischen Umsetzung spiegeln sich in insgesamt 500 Projekten wider, von denen rund 300 nicht realisiert wurden.

Auch diese Städte, Häuser und Anlagen auf Papier sind weit mehr als Träumereien: Sie sind Fingerübungen, Ideenkonzeptionen, letztendlich Visionen, die noch nicht dem Pragmatismus unterliegen. "Keine Philosophie - ein Kilometer Linien am Tag" lautete Aaltos Büro-Maxime. Um aus diesen ellenlangen Gedanken Gebäude entstehen zu lassen, verteilte Aalto die Skizzen unter den Mitarbeitern zum Ausformulieren und dirigierte aus dem Kopf heraus die Entstehung der Gesamtgestalt.

80 unverwirklichte Entwürfe zeigt jetzt die Münchner Pinakothek der Moderne quasi als Quintessenz einer Architektur, die noch halbwegs frei von Zwängen ist. "Die sozialen, menschlichen, technischen und wirtschaftlichen Forderungen, die sich neben den psychologischen Forderungen stellen und die jeden Einzelnen und jede Gruppe mit ihrem Rhythmus und ihren inneren Reibungen betreffen, sind so zahlreich, dass sie einen Knäuel bilden, der mit rationalen Methoden nicht gelöst werden kann."

Deswegen zog sich Aalto immer wieder zurück, zeichnete, was er selbst als abstrakte Kunst titulierte, ließ sich vom Instinkt leiten und formulierte so Grundgedanken, die er als Ausgangpunkt für seine Architektur nutzte. Diese Formen unterlagen dann einem langwierigen Reifungsprozess - der perfekt in der Ausstellung nachzuvollziehen ist.

Aalto wehrte sich mit der langsamen Auseinandersetzung mit landschaftlichen und sozialen Bedingungen, der Tradition und des Kontextes gegen den "international style": "Heute sind wir hinlänglich versorgt mit oberflächlicher und eher schlechter Architektur, die modern ist." Aaltos Architektur ist zwar modern, aber nicht austauschbar, sondern hundertprozentig orts-, gebrauchs- und persönlichkeitsbezogen.

Dabei kehren Leitmotive durchaus wieder. Das Kunstmuseum Shiraz im Iran (1969-73), gescheitert wegen politischer Umstürze, entwickelte seinen Gebäudefächer über mehrere Ebene aus den terrassenförmigen Hügeln heraus und führt die Landschaft fort. Die Schwingungen der Umgebung werden beim Amphitheater "La Fortezza" bei Siena (1966) ebenso aufgenommen wie bei beim Sport- und Kongresszentrum Vogelweidplatz bei Wien (1952-56).

Sei es der Rückgriff auf Kirchentradition in Jämsä (1925) oder eine 18 Etagen hohe Kolumbus-Spirale in Santo Domingo (1928/29) als Verweis auf einen Leuchtturm: In allen Zeichnungen entwickeln sich technische Machbarkeit und Akkurates aus einem intuitiven Aufspüren der Gegebenheiten. Und das macht die Architekturschau auch für Laien begreifbar.

Bis 5. Oktober

Infos: Tel. 089/ 289 22 493.

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