Mehr Verständnis, mehr Solidarität

Der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch über Russland, Georgien und seine Heimat

Die Großmachtpolitik des Kreml schockt nicht allein die Georgier. Sie gibt Ursache für politische Sorgen im gesamten Westen. Begründete Furcht aber löst sie vor allem in der Ukraine aus. Der renommierte Schriftsteller Jurij Andruchowytsch weiß, wie notwendig, aber auch wie aktuell gefährdet der Weg seines Heimatlandes zu Europäischer Union und Nato ist.

Was haben Sie empfunden, als die Russen in Georgien einmarschierten?

Natürlich war das für mich ein dramatisches Gefühl des Bedauerns, aber eben auch von ziemlich viel Wut, was ich gar nicht bei mir erwartet hätte. Das war jedenfalls eine sehr dramatische Erfahrung für mich. Die russische Politik erinnert mich an das kriminelle Vorgehen von Leuten, die keine Grenze mehr kennen für ihre Aggression, und dieses Empfinden hat mich während dieses Krieges im Kaukasus begleitet.

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko will das Land in die Nato führen. Gegen den erklärten Willen Russlands. Kommen Ihnen da nicht Bedenken, wenn Sie sich an das Vorgehen der Russen im Kaukasus erinnern?

Natürlich war diese ganze kaukasische Strafaktion so geplant, dass sie irgendwie auch auf die Ukraine einwirken sollte, vor allem auf ihre Entscheidung, Mitglied der Nato werden zu wollen. Das hat aber in der Ukraine selbst genau das Gegenteil erreicht. Die letzten Umfragen zeigen, dass die Zahl der Ukrainer, die den Nato-Beitritt unterstützen, ständig wächst. Und wir sind jetzt schon bei einem Verhältnis von 50 zu 50, während früher die Zahl der Nato-Gegner in der Ukraine wesentlich größer war. Also, als eine spezielle Angstoperation an die Adresse der Ukraine scheint das Vorgehen der Russen gescheitert zu sein.

Was erwarten Sie denn, wenn Kiew der Nato beitritt? Wird es dann zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Moskau kommen?

Ich kann das jetzt nicht beurteilen, aber das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine ist schon heute sehr gespannt. Und ich denke, dass die Entscheidung Russlands, Abchasien und Südossetien anzuerkennen, diese Situation noch mehr verschärft hat.

Sie haben darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl Ihrer Landsleute früher gegen den Nato-Beitritt waren, sich das jetzt aber unter dem Eindruck des Krieges im Kaukasus geändert hat. Immerhin sind der Osten und der Süden der Ukraine russisch geprägt. Besteht die Gefahr, dass bei einer Auseinandersetzung mit Moskau die Ukraine geteilt wird?

Ja, sicher. Das kann man jetzt ganz klar sehen. Das ist vielleicht im Moment die wichtigste Aufgabe der ukrainischen Regierung und überhaupt der politischen Eliten, im Innern eine Politik zu machen, die ein weiteres Wachsen der Spaltung verhindert. Aber wir können natürlich nach diesem Krieg den äußeren Faktor, nämlich die Haltung Moskaus, nicht ignorieren. Das ist eine ziemlich komplizierte Aufgabe für die ukrainische Regierung.

Wo sehen Sie die Gründe für das aggressive Vorgehen der Russen? Etwa weil sich Russland wieder als imperiale Macht begreift?

 Ja, ich sehe das so. Ein Weiteres kommt dazu: Das war natürlich die russische Antwort auf die Trennung des Kosovo von Serbien. Russland bemüht sich immer noch darum, als zweite und gleichwertige Weltmacht neben den USA aufzutreten. Deswegen versucht es auch, die USA in der politischen Vorgehensweise nachzuäffen. Auch fühlen sich die Russen außerordentlich dadurch beleidigt, dass das Kosovo-Problem ohne sie gelöst wurde. Und jetzt kam mit dem Georgienkrieg endlich der Augenblick für eine russische Antwort.

Der Westen hat Georgien in dieser Situation nicht geholfen. Glauben Sie, dass er der Ukraine helfen würde?

Mit der These, dass der Westen Georgien nicht geholfen hat, bin ich nicht einverstanden. Dass Georgien als Staat heute überhaupt noch existiert, verdankt es dem Westen. Ich finde allerdings: Der Westen hätte in der ersten Phase dieses Konfliktes etwas schärfer reagieren können. Aber das ist nur meine Meinung; ich bin kein Politiker und kein Diplomat. Was die Ukraine betrifft, so sehe ich jetzt schon Versuche des Westens, im Voraus etwas zu tun, um den Konflikt zu verhindern. Zum Beispiel wurde aus Brüssel zum ersten Mal erklärt, dass die Europäische Union schon jetzt die Beitrittsmöglichkeit für die Ukraine formulieren solle. Das ist für mich ein klares Signal, dass die Ukraine ein Mitglied der EU wird.

Aber die Europäer sprechen da auch nicht mit einer Stimme: Ein Teil der Europäer - vor allem die osteuropäischen Länder - neigen stärker den Amerikanern zu. Die anderen Länder halten sich da eher zurück . . .

Das macht die Situation in der Tat sehr viel schwieriger. Aber ich denke: Es wird eine neue Einigkeit des Westens geben - und dies sehr bald. Eine schon jetzt vorhandene Voraussetzung hierfür ist die aggressive Politik Russlands. Eine weitere: Die Veränderungen in den USA nach den Wahlen. Der Westen hat eben in dieser Situation keine andere Alternative, als einig zu sein.

Wünschen Sie sich auch mehr Unterstützung und Solidarität von den europäischen Intellektuellen, von den Künstlern und Schriftstellern?

Ja, unbedingt. Mehr Verständnis, mehr Solidarität. Und ich hoffe, dass wir im Licht dieser jüngsten Entwicklung auch viele Übereinstimmungen finden.

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