Mehr als nur Zuschauer

München - Unter ihrem neuen Vorsitzenden Stefan Meissner haben die „Freunde des Residenztheaters“ ihr Angebot erweitert.

Echte Freunde dürfen das. Sich einfach auf die Bühne setzen, wenn die Vorstellung ausverkauft ist. Wie bei der Inszenierung der „Flegeljahre“ im Münchner Residenztheater, als es eigentlich keine Karten mehr gab – Mitglieder des Vereins „Freunde des Residenztheaters“ aber trotzdem Zutritt erhielten. Regisseur Robert Gerloff hatte sie kurzerhand als Statisten eingesetzt. Den ganzen Abend über saßen sie in der Wirtshaus-Kulisse inmitten des Geschehens. „Das war eine ganz tolle Sache! Du sitzt auf der Bühne, und plötzlich steht ein Miguel Abrantes Ostrowski direkt neben dir, und die Andrea Wenzl klettert über dich herüber, und der Arthur Klemt versorgt dich mit Bier und Würstchen – während der laufenden Vorstellung“, erzählt Stefan Meissner begeistert.

Seine Begeisterung ist ansteckend. Seit vergangenem Jahr ist Meissner Vereinsvorsitzender. Und kann vor allem eins: überzeugen. Als selbstständiger Unternehmensberater ist der 45-Jährige ein Glücksfall für die „Freunde“. Denn seine kommunikativen Fähigkeiten nützen nicht nur im Beruf – durch sie gibt er auch dem Verein neuen Schwung.

Er möchte, dass eine Mitgliedschaft mehr beinhaltet als ein, zwei Probenbesuche oder Intendantengespräche. Das Motto, das auf dem von ihm gestalteten neuen Flyer prangt, ist der Maßstab: „Mehr! als nur Zuschauen“. „Als ich mit der Arbeit anfing, hatte ich ein ganzes Bündel an Ideen“, erinnert sich der große dunkelblonde Münchner, der mit seiner Statur auch als Basketballspieler durchgehen würde. Viele dieser Ideen wurden bereits in die Tat umgesetzt. Der Stammtisch etwa. Informelle, lockere Treffen in Abständen von sechs bis acht Wochen von Ensemble und Publikum. Das heißt: Die „Freunde des Residenztheaters“ haben die Möglichkeit, sich Karten für eine Vorstellung zu ordern, in deren Anschluss die Mitwirkenden des Abends noch auf einen Absacker im Theatercasino vorbeischauen. „Da stecken Darsteller und Zuschauer wirklich die Köpfe zusammen und reden miteinander. Sicher primär über das Theater, klar. Aber ich weiß, dass auch über ganz andere Themen gesprochen wird. Urlaub, Hobbys …“ Die Darsteller also einmal ganz privat. „In der nächsten Saison wird das auf jeden Fall fortgesetzt.“

Vieles mehr hat der neue Vorsitzende initiiert, einen Theaterworkshop auf der Probebühne etwa. Oder einen „Schule der Wahrnehmungs“-Kurs mit C. Bernd Sucher. Der fand im Münchner Literaturhaus statt. Denn auch das ist neu bei den „Freunden“: Sie tun sich auch mit anderen zusammen, erweitern ihren Kreis. Schon allein aus praktischen Gründen, erklärt Meissner: „Mir ist es besonders wichtig, auch jüngere Leute für das Theater zu gewinnen. Um die zu bekommen, versuche ich, mehr Veranstaltungen am Wochenende oder abends anzubieten. Abends habe ich aber keine passenden Räume. Die Spielstätten sind alle belegt und in der Theatergastronomie kollidiert’s mit dem Publikum beziehungsweise können wir kein Rambazamba machen, wenn eine Vorstellung läuft.“ Die Lösung: Meissner tat sich mit den „Freunden und Förderern des Literaturhauses“ zusammen: „Ich sagte ihnen: Wir haben durchaus Programm, aber keinen Raum. Sie haben die Räume, sie können ihre Mitglieder mit einladen – die waren sofort mit dabei.“ So hat sich eine lockere Kooperation ergeben, zwei, drei Veranstaltungen möchten sie pro Spielzeit anbieten.

Neulich hat ihn jemand angesprochen, ein Mitglied habe sich beschwert. „Diese ganzen neuen Sachen, diese ganzen neuen Veranstaltungen da – was soll denn dieser Blödsinn?“ Solche Kritik ärgert den 45-Jährigen. Gerade weil er versucht, Neues und Altes zu verbinden. „Es ist ja nicht so, dass wir alte Angebote zugunsten neuer Veranstaltungspunkte streichen. Wir haben das Angebot dermaßen erweitert und werden das auch weiter tun. Beispielsweise möchten wir künftig nicht mehr nur die gängige allgemeine Theater-Führung durch das Haus anbieten, sondern mal gezielt in die einzelnen Abteilungen und Werkstätten gehen und diese intensiver anschauen. Beim neuen Programm ist für jeden etwas dabei.“

Natürlich gibt es auch künftig die beliebten Einladungen zu Proben für die Vereinsmitglieder, die im Jahr 60 Euro Beitrag bezahlen (ermäßigt: 30 Euro; Eheleute zahlen zusammen 100 Euro im Jahr).

In der vergangenen Saison war eine ganz besondere dabei: Die „Anarchistin“ stand auf dem Spielplan. Die Premiere – die dann vorzeitig abgebrochen werden musste, weil Hauptdarstellerin Cornelia Froboess einen Schwächeanfall erlitt (wir berichteten) – war an einem Samstag. „Am Donnerstag davor ruft mich die Referentin von Intendant Martin Kušej an, der Regie geführt hat: ,Die beiden Protagonistinnen hätten jetzt doch wahnsinnig gern noch mal Publikum. Morgen um elf ist Generalprobe – können Sie auf die Schnelle einladen?‘“, erinnert sich Meissner. Natürlich konnte er. „Ich hab gesagt: ,Klar, 300 unserer Mitglieder erreichen wir per Mail, mach’ ich. Am nächsten Morgen waren 70, 80 Leute da von uns. Wir haben den kompletten Durchlauf gesehen – und der war toll. So waren wir für vier Wochen die Einzigen, die die Inszenierung gesehen hatten.“ Wenn er das erzählt, dann strahlt Meissner richtig und lacht. Diese Momente, sie sind es, die ihn für die ehrenamtliche Arbeit motivieren.

Besonders zeitintensiv war die Gestaltung des Logos. „Der Verein hatte nie ein eigenes. Unsere Flyer waren immer an das Design des Theaters angepasst. Wenn ein neuer Intendant kam und alles auf den Kopf stellte, mussten wir uns mit auf den Kopf stellen. Deshalb habe ich gesagt: Ich will ein Logo, das als Kern bleibt. Und wenn dann ein Neuer kommt und sagt: Ich mache jetzt alles blau, können wir die Farbe anpassen, das Logo aber bleibt.“ Denn: „Ich möchte damit auch darstellen, dass wir ein konstanter Faktor an dem Haus sind – uns gibt es seit 1976 – die Intendanten haben gewechselt, uns gibt’s immer noch.“

Katja Kraft

Weitere Informationen

gibt es im Internet unter www.freunde-des-residenztheaters.de

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