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Pädagogin Ute Andresen schlug Alarm: „Ich bin entsetzt, wie die Handschrift verwahrlost.“

„Mein Bleistift kann nicht abstürzen“

München - Manche sagen, sie sei vom Aussterben bedroht. Ihre letzten Rückzugsgebiete: Notizen, Einkaufszettel, Postkarten. Die Handschrift ist zu einer seltenen Spezies geworden.

Eine kulturelle Praktik, die, wie es scheint, in Zeiten des Computers kaum noch jemanden interessiert. Trotzdem kamen am Donnerstagabend mehr als 200 Menschen in die Akademie der Schönen Künste in der Münchner Residenz, um sich über das Wohlergehen der Handschrift zu informieren.

Die Runde, die sich zusammengefunden hatte, um unter dem Motto „Verschwindet die Handschrift? Plädoyer für ein bedrohtes Kulturgut“ zu diskutieren, war prominent besetzt: Die Schriftsteller Sibylle Lewitscharoff und Rafik Schami waren dabei, außerdem der Psychologe Werner Kuhmann und die Grundschulpädagogin Ute Andresen. Letztere schlug gleich zu Beginn Alarm: „Ich sehe mit Entsetzen, wie die Handschrift in der Schule verwahrlost.“ Für sie ein Grund, das Thema aufs Tapet zu heben. Andresen war es, die die Veranstaltung initiiert hatte.

Das Schreiben in der Schule war denn auch der Aspekt, der die Gemüter erhitzte wie kein anderer: Es sei falsch, Kinder, aus Angst sie zu überfordern oder einzuengen, schreiben zu lassen, wie sie wollen – da war sich die Runde einig. Rafik Schami fand für diesen Trugschluss drastische Worte: „Wenn sie ein paar Jungs und Mädchen in einen Raum mit Musikinstrumenten stecken und sie nach vier Jahren wieder abholen, werden die bestimmt nicht musizieren können!“ Und Sibylle Lewitscharoff fügte hinzu, es gebe „keinen schlimmeren Popanz als den der Kreativität“.

Beide Schriftsteller bezogen sich dabei auf einen Vortrag von Angela Enders. Die Professorin für Grundschulpädagogik hatte zuvor deutlich gemacht, welche verheerenden Auswirkungen die ihrer Ansicht nach übertriebene Tendenz zur Individualisierung an deutschen Schulen habe. Pädagogen würden sich immer neue Lehrmethoden ausdenken, um den Kindern das Schreiben zu erleichtern – empirisch belegt seien diese Erleichterungen jedoch nicht. Als Beispiel nannte Enders die Grundschrift, bei der die Kinder Druckbuchstaben beliebig miteinander verbinden können, aber nicht müssen. 2010 vom Grundschulverband vorgestellt, wurde die Grundschrift ein Jahr später in Hamburg eingeführt. Auch in Bayern gibt es erste Modellschulen, an denen mit der Grundschrift gearbeitet wird. Für wenig sinnvoll hält Enders auch die Praxis des phonetischen Schreibens. Bei dieser Methode „schraiben di Kinder, wi si schprechen“ – angeblich sollen sie das Schreiben so besonders schnell erlernen. Doch häufig, so Enders, würden die Rechtschreibfehler, die sich auf diese Weise einschleichen, nicht früh genug korrigiert. Das Ergebnis: Kinder, die selbst in der fünften oder sechsten Klasse falsch schreiben. „Schrift basiert nun einmal auf gewissen Normen. Wenn wir die in der Schule nicht vermitteln, bringen wir Kinder um die Möglichkeit, sich eine neue Sicht auf die Welt zu erarbeiten und an der Gesellschaft teilzuhaben“, so Enders. Individualität und Kreativität entstünden nun einmal nicht im luftleeren Raum. „Man darf nicht den Großteil der Kinder unterfordern, nur damit eine Minderheit nicht überfordert wird“, so die Professorin. Ihr Plädoyer „für eine Anstrengungs- statt einer Erleichterungspädagogik“ quittierte das Publikum mit Bravo-Rufen.

Autorin Sibylle Lewitscharoff schloss sich Enders’ Forderung an: Kinder seien doch unglaublich wissbegierig und stolz, wenn sie eine Herausforderung gemeistert hätten. „Für mich persönlich war die Handschrift eine große Schule. Sie hat mir eine bestimmte Form von Intelligenz vermittelt“, meinte Lewitscharoff und fügte hinzu: „Ich war nie der kreative Inspirations-Könner, sondern immer eine schwäbische Schaffmaus. Alles, was ich kann, habe ich durch Übung gelernt.“ Dass für eine gute Handschrift nichts wichtiger ist als die richtige Anleitung und kontinuierliches Üben, bestätigte Grundschulpädagogin Andresen. Beides werde in deutschen Schulen jedoch immer mehr vernachlässigt. Das liege auch daran, dass Lehrer an den Universitäten schon seit Jahrzehnten nicht mehr dafür ausgebildet würden, Kindern das Schreiben beizubringen.

Rafik Schami verwies auf einen anderen Aspekt der Handschrift: Das Verbinden der einzelnen Buchstaben vermittle den Kindern ein Gefühl von Musikalität. „Und wir wissen alle“, so der Schriftsteller, „dass Musikalität und Mathematik Zwillingsschwestern sind.“ Für Schami persönlich hat das Schreiben mit der Hand eine ganz besondere Bedeutung: Es eröffnete ihm einen Zugang zur deutschen Literatur. Weil er die Sprache von Schriftstellergrößen wie Thomas Mann oder Heinrich Heine verstehen wollte, schrieb Schami in seiner Jugend Romane wie die „Buddenbrooks“ mit der Hand ab. Auf diese Art habe er sich die Sprache einverleibt, so Schami. „Hätte ich in Druckschrift geschrieben, hätte ich hunderte von Seiten bestimmt nicht geschafft.“

Psychologe Werner Kuhmann bestätigte, dass das Schreiben mit der Hand essenziell sei, um Texte zu erschließen. Im Zeitalter von Computer und Smartphone müssten Lehrer das Schreiben umso stärker fördern. Das ultimative Plädoyer für die Handschrift aber hielt Ute Andresen, die Initiatorin des Abends: Allen, die meinten, das Schreiben mit der Hand sei veraltet, entgegnete sie: „Meine Handschrift kann man nicht hacken, mein Bleistift kann nicht abstürzen.“

Katharina Mutz

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