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Mein Feind der Clown: „Rheingold“ an der Staatsoper Stuttgart

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Von: Markus Thiel

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Matthias Klink, Goran Jurić und Leigh Melrose
Böse Spiele treiben Loge (Matthias Klink, li.) und Wotan (Goran Jurić, re.) mit Alberich (Leigh Melrose). © Matthias Baus

Wie vor zwei Jahrzehnten beim legendären „Ring des Nibelungen“ vergibt Stuttgart die vier Opern an mehrere Regie-Teams. Und wieder zeigt die „Rheingold“-Premiere: Da ist noch Luft nach oben.

Mit Goldbarren mutmaßlich aus Familienbesitz verführen die drei höheren Töchter in Schuluniformen den armen Alberich. Doch am Ende ist das Edelmetall nur billiger Flitter. Lametta, mit dem sich Wotan den Bau seiner Burg erkauft. Hier, im ersten Teil von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, wo eigentlich Aufbruch herrschen sollte, ist nämlich schon alles vorbei.

Götter, Zwerge und sonstige Mythenwesen vegetieren als abgewrackte Zirkusgesellschaft unter einem Gerüst dahin. Die guten Zeiten für Direktor Wotan und seine Artisten sind perdu. Man langweilt sich, spielt böse Spielchen und säuft sich das Leben mit Dosenbier schön.

So abgeranzt beginnt das neue Mega-Unternehmen der Staatsoper Stuttgart. Ein Haus, an dem ab 1999 ein legendärer „Ring“ herauskam. Für jede der vier Opern ein anderer Regisseur, das war die schwäbische Frischzellenkur gegen zunehmenden Deutungsleerlauf bei diesem Projekt. Joachim Schlömer für „Das Rheingold“, Christof Nel für „Die Walküre“, Jossi Wieler/Sergio Morabito für „Siegfried“ und Peter Konwitschny für die „Götterdämmerung“: Eine steile, starke Steigerung war das damals.

Matthias Klink als Loge in einer eigenen Liga

Weil’s so schön war, wird das Rezept nochmals ausprobiert. Der Schauspiel-Mann Stephan Kimmig, 2009 in München mit „Don Giovanni“ erstmals (und scheiternd) in der Oper aktiv, übernahm das „Rheingold“. Für die „Walküre“ wird ab April 2022 sogar mit Hotel Modern, Urs Schönebaum und Ulla von Brandenburg pro Akt ein eigener Regie-Entwurf aufgefahren. Wohl aus Kosten- und Nostalgiegründen wird im Oktober 2022 der „Siegfried“ von Wieler/Morabito wiederbelebt. Und Marco Štorman schultert im Januar 2023 die „Götterdämmerung“.

Kimmigs Endzeitspiel versucht sich an einer Entzauberung. Längst vor dem Raub des titelgebenden Metalls ist hier ein Sündenfall passiert, von dem sich diese Manegenbesatzung nicht mehr erholt. Zweieinhalb Stunden kreist die Truppe im grimmigen Leerlauf umeinander. Man erlebt dabei durchaus prägnante Typen, wobei Matthias Klink als aggressiver, narzisstischer und entsprechend bejubelter Loge-Freak in einer eigenen Liga singspielt. Goran Jurić gibt das lässige Wotan-Bärchen. – dass er kein gebieterisches Heldenbariton-Geschütz auffährt, passt sogar. Esther Dierkes ist ganz böses Freia-Mädchen, Rachael Wilson eine Fricka von der Grandezza-Resterampe. Leigh Melrose (ein vokal unsteter Alberich) und Elmar Gilbertsson als geprügelter Mime-Clown leben lustvoll und auch stimmlich ihre Bizarrerien aus.

Ästhetische Spielerei statt plausible Deutung

Die meisten Beteiligten sind Rollendebütanten. Keiner kann sich also in „Ring“-Routine flüchten, was wohltuend ist. Zugleich wirkt manches aber auch zu kleinformatig, (noch) nicht rollendeckend. Und oft scheint es, dass Kimmig, dessen heruntergerockter Zirkus von Katja Haß (Bühne) und Anja Rabes (Kostüme) stammt, auf Eigeninitiative vertraut und nur aufmunternde Probenworte verloren hat. Punktuell gibt es in diesem „Rheingold“ durchaus starke Momente. Doch im Vermeiden von Pathos, Zaubermomenten und theatralem Charme, zu dem man sich bei diesem Zweieinhalbstünder eigentlich auch verhalten müsste, flüchtet sich Kimmig ins Nihilistische und Zynische. Das meiste ist daher ästhetische Spielerei statt plausible, tiefenscharfe Deutung.

Zum Geschehen im Graben tut sich da eine Kluft auf. Generalmusikdirektor Cornelius Meister hat mit dem Stuttgarter Staatsorchester schon Lust auf Wagners großen Aufriss, aufs Pompöse und ungebrochen Emotionale wie im Finale. Zugleich bleibt er zügig in den Konversationsstrecken. Auch Wagners Zutaten, die Schichtungen und Mixturen der Partitur hört man heraus. Das ist zwar mehrdimensionaler als die Szenerie. Aber gelegentlich zieht der Abend vorüber wie eine Repertoireaufführung, weniger wie eine wochenlang geprobte Premiere. Bühne und Graben sind nicht immer gut verzahnt. Und wenn ein Solist mal musikalisch nicht ganz einrastet, gibt es kaum energisches Gegensteuern vom Dirigentenpult. Schon jetzt gibt es also bei diesem „Ring“-Auftakt eine Parallele zu 1999: Da ist noch gut Luft nach oben.

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