Das ist mein Gefängnis

- "Es war schwierig, diesen Film zu machen." Wenn man hörte, wie Margarethe von Trotta beim Festival von Venedig über ihren Film "Rosenstraße", ihre erste Kinoarbeit seit fast zehn Jahren, sprach, merkte man der 61-jährigen das Herzblut an, das persönliche Engagement und die jahrelange Arbeit, die diesen Film erst ermöglicht haben, der bei der "Mostra" Anfang September mit einem Schauspielpreis für Katja Riemann belohnt wurde.

<P>"Das Projekt hat mich seit fast zehn Jahren begleitet." Der Regisseur Volker Schlöndorff, ihr ehemaliger Mann, leitete damals das Studio Babelsberg. "Er machte mich auf die weitgehend vergessenen Vorfälle in der Rosenstraße aufmerksam." Gerade erst hatte von Trotta "Das Versprechen" fertig gedreht, eine Liebesgeschichte zwischen Ost- und West-Berlin, die im Wettbewerb der Berlinale durchgefallen war. Gern stürzte sie sich in neue Arbeit.</P><P>Bereits 1994 entstanden Drehbuchentwürfe, doch es fanden sich keine Fördergelder. "Mindestens zwei Jahre haben wir geglaubt, es noch schaffen zu können, es verzögerte sich von Halbjahr zu Halbjahr, und irgendwann gaben wir auf." Erst drei Jahre später, angeregt durch einen Fernsehredakteur, widmete sich von Trotta erneut dem Stoff. </P><P>Beteiligt war diesmal die US-Drehbuchautorin Pam Katz. "Mit ihrer Hilfe wurde der Film um die amerikanische Gegenwartsebene erweitert", und es entstand das komplizierte Gerüst eines Films mit zwei Heldinnen und zwei Zeitebenen, das dem Film seinen ganz eigenen Charakter gibt - es allerdings in Venedig auch manchen Zuschauern schwer machte, sich in den Film einzufühlen. Dabei ist diese Emotionalisierung das erklärte Ziel von Trottas: "Kopf und Herz gehören zusammen. Ich will emotional an meine Geschichten herangehen, brauche das, um mich für etwas zu interessieren. Ich mache ja keinen Dokumentarfilm." </P><P>Die Zeitgeschichte in<BR>starken Frauen gebündelt</P><P>Die wahren Begebenheiten werden über eine fiktive Geschichte erzählt. Hierin liegt auch eine Kontinuität im Werk der von Trotta. Immer wieder sind es starke Frauen, die das Zentrum ihrer Filme bilden, immer wieder bündelt sich in ihnen die "größere", allgemeine Geschichte: der deutsche Terrorismus in den fiktiven Gesprächen der Ensslin-Schwestern in "Die bleierne Zeit", mit dem sie 1981 in Venedig triumphierte, im Fall der "Rosa Luxemburg" das Deutschland am Anfang des 20. Jahrhunderts, in "Das Versprechen" Mauerbau und deutsche Teilung, in "Jahrestage" DDR-Geschichte und Vietnam-Krieg. Durch diesen Ansatz wurde von Trotta zu einer wichtigen Regisseurin für Schauspielerinnen: Barbara Sukowa, Angela Winkler, Jutta Lampe, Meret Becker - um nur einige zu nennen. </P><P>Jutta Lampe ist auch diesmal wieder zu sehen, in der Rolle einer fast erstarrten, schweigsamen Mutter. Ihr Pendant ist diesmal Doris Schade, und die jüngeren Hauptfiguren werden von Katja Riemann und Maria Schrader gespielt. Eine "Frauenregisseurin"? "Es geht mir nicht um weibliche Emanzipation, sondern um allgemeine Zivilcourage", erwidert sie. "Ich glaube nicht, dass Frauen die besseren Menschen sind. Es waren ja auch in der Mehrzahl Frauen, die für Hitler gestimmt haben. Sie waren ihm ergeben, wie einem Bräutigam." Aber "meine Filme handeln nun also meistens von Frauen, das ist mein Gefängnis!"</P><P>Noch ein Stichwort: Denn zu den thematischen Verknüpfungen gehört auch eine auffallende Vorliebe für klaustrophobische Szenarien, für Gefängnisräume, Mauern, Momente des Eingeschlossenseins. Mit ihrem ganz eigenen Stil, mit dem "von Trotta-Touch" kam die heute in Rom lebende Regisseurin zumindest in Venedig bei Publikum und Jury besser an als die anderen deutschen Beiträge der letzten Jahre. </P><P>Nach Jahren des Desinteresses, in denen von Trotta von Kritik und Publikum zum Teil hart kritisiert, als "Nervensäge" und "Betroffenheitsglucke" verspottet worden ist, bedeutet der Erfolg von Venedig nun gewiss auch eine Genugtuung. Mit dem morgigen Filmstart hofft von Trotta nun auch auf Beifall in der Heimat.<BR></P>

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