Mein Hals in seiner Faust

- Sie wurde nicht nur mit der Rolle identifiziert, sie war Oktavian. Allein in München hat sie die Titelpartie in Strauss' "Rosenkavalier" 133 Mal gesungen. Daneben noch Brangäne, Carmen, Dorabella, Cherubino - Hertha Töpper war eine Operninstitution, nicht nur in München. Von den Fans geliebt, international begehrt und mit einer dunklen, glutvollen, sinnlichen Altstimme gesegnet. Am kommenden Montag feiert Hertha Töpper, die aus Graz stammt, 80. Geburtstag. 1952 zog sie zusammen mit ihrem Mann, dem Musikwissenschaftler Franz Mixa, an die Isar.

<P>Dem Prinzregenten-, später dem Nationaltheater blieb sie eng verbunden, auch wenn sie in Bayreuth, New York, Wien, Salzburg oder Mailand gastierte. Legendär sind überdies ihre Konzert-Auftritte, die meisten mit Karl Richter am Pult, von denen faszinierende Bach-Einspielungen Zeugnis geben. 1971 nahm Hertha Töpper einen Lehrauftrag an der Münchner Musikhochschule an, zehn Jahre später verließ sie die Bayerische Staatsoper.<BR><BR>Sie wohnen geschätzte 250 Meter vom Nationaltheater entfernt. Da hätten Sie's ja nicht weit . . .<BR><BR>Töpper: Schon. Aber ich geh' kaum mehr ins Theater. Zum Teil, weil ich durch den Tod meines Mannes vor zehn Jahren so am Boden zerstört war, dass ich Musik schwer ertragen konnte. Musik löst zu sehr auf. Und dann haben mich auch einige Inszenierungen nicht besonders gefreut. Ich kam zu der Einstellung: Ich bin nicht mehr im Beruf, also muss ich auch nicht mehr alles wissen.<BR><BR>Was stört Sie denn an den Inszenierungen?<BR><BR>Töpper: Es gibt sicher verschiedene Wege, sich einem Werk zu nähern. Das Wichtigste bleibt aber die Verantwortung dem Stück und dem Komponisten gegenüber. Wenn der Regisseur das erfüllt, dann kann er die Oper in Silber, Grau oder Hellblau spielen lassen. Mich ärgern Dinge, wie sie zum Beispiel im Bayreuther "Ring" von Jürgen Flimm passieren: dass alles so hässlich sein muss, dass blecherne Gartentische auf der Bühne stehen und darauf eine Fanta-Flasche. Heute ist aus Wotan ein Kaufhausangestellter geworden, der auch noch einen schlecht sitzenden Anzug trägt. Ich hänge eben sehr an meinen Lieblingen.<BR><BR>Das heißt, Sie haben sich mit Ihren Rollen total identifiziert?<BR><BR>Töpper: Ich habe mich in alles so intensiv hineingedacht, dass die Figuren zu meiner Familie geworden sind. Und das schon früh, als Mäderl auf dem Opern-Stehplatz. Ich weiß noch, dass ich die Idee hatte, den Wotan zu überreden, sich doch bitte nicht von Brünnhilde zu trennen. Damals konnte ich die Opern auswendig. Das hat mir bei meinem ersten Oktavian 1949 geholfen. Da bin ich eingesprungen. Doch durch meine frühe Theaterliebe war mir ja alles bekannt - ich hätte auch die anderen Partien übernehmen können. Aber ich bin keine Schauspielerin, ich hab's eben gelebt. Deswegen wollte ich zum Beispiel nie die Geschwitz in Bergs "Lulu" singen. Das war ich nicht.<BR><BR>Eingesprungen sind Sie häufig. Hatten Sie nie Nervenflattern dabei?<BR><BR>Töpper: Mein erster Auftritt war die Mutter in "Hoffmanns Erzählungen". Dann als Einspringerin die Ulrica im "Maskenball". Ich konnte von der Opernschule her nur die Arie und das Quintett, aber es klappte, obwohl ich nur einen Tag Zeit hatte. Die Leute sagten damals: "Schau' die Hertha an, die ist gar nicht nervös." Ich war so gespannt, dass für Nervosität gar kein Platz mehr war.<BR><BR>Warum mochten Sie eigentlich Proben nie besonders?<BR><BR>Töpper: Ich war der Typ, der in der ersten Probe am besten war. Weil ich mich hingegeben habe. Weil ich auch voll ausgesungen habe. Aber die Zeit danach . . . Furchtbar! Da kam es doch überhaupt nicht mehr auf den Sänger an. Es wurde nur noch gesagt: Da muss der Chor hin, da brauchen wir diese Beleuchtung, da soll man auftreten, da wieder runter von der Bühne. Und deshalb fing ich an, stimmlich zu markieren. Ich wurde quasi immer weniger. Und zur Premiere musste ich schauen, dass ich wieder hochkomme, dass ich voll da war. Nicht so einfach . . .<BR><BR>Welche Künstler waren die wichtigsten für Sie in München?<BR><BR>Töpper: Ach, ich durfte mit so wunderbaren Menschen arbeiten. An der Oper hat mich Rudolf Hartmann mit seinen sehr geschmackvollen Inszenierungen geprägt. Der hat die Sänger ideal präsentieren können und sie nie für etwas benutzt. Und er hat niemanden gezwungen, über sein Fach hinaus zu singen. Rudolf Kempe hat mich enorm beeindruckt. Ferenc Fricsay war für mich dagegen sehr schwierig, weil er ein Probenmensch war. Der hat mich fertig gemacht. Er hat als Dirigent meinen Hals in seiner Faust gehabt. Der wollte an der Bühnenseite sogar noch Verkehrsampeln für schnelleres oder langsameres Tempo installieren lassen, damit alles unter Kontrolle war.<BR><BR>Und die lange Zusammenarbeit mit Karl Richter?<BR><BR>Töpper: Kurz nachdem ich nach München kam, hat sich mir Karl Richter vorgestellt. Da habe ich sofort gemerkt, welche Ausstrahlung der hatte, wie unglaublich er musizieren konnte. Mit ihm war es wahnsinnig beglückend. Besonders gut waren wir zwei, wenn wir gar nicht geprobt hatten. Wir konnten eben unsere Fühler ausstrecken. Dass es auch mal einen kleinen Streit wegen Terminabsprachen gab, hat an der Wertschätzung nichts geändert. Überhaupt Oratorien: Jedes Jahr habe ich Bachs Matthäus-Passion gesungen. Diese Musik ist so aufregend, ich habe das geliebt. Heute mag ich's von anderen nicht hören.<BR><BR>Da werden sehr oft Countertenöre eingesetzt. Auf die müssten Sie als Mezzosopranistin ja nicht gut zu sprechen sein.<BR><BR>Töpper: Ach wissen Sie: Ich saß einmal in der Jury eines holländischen Gesangswettbewerbs. Und da kam ein Counter auf die Bühne. Mir ist im Magen übel geworden, wenn ich diese beinlosen Buben hörte. Doch dem habe ich trotzdem ein "sehr gut" gegeben. Er war hervorragend - nur halt nicht mein Geschmack.<BR><BR>Würden Sie heute gern noch auf der Bühne stehen? Oder sind Sie froh, dass Sie in einer anderen Zeit Karriere machten?<BR><BR>Töpper: Ich bin glücklich darüber, dass ich in meiner Zeit gesungen habe. Aber das Schimpfen aus einer Vergangenheit heraus finde ich unsympathisch. Es gibt ja heutzutage wunderbare Stimmen. Mein Anliegen ist nur: Ehrfurcht vor den Meistern. Leider Gottes muss Brünnhilde "Hojotoho" sagen. Und wenn sie das in einem Sommerkleid tut, ist das halt zum Lachen. Setzt sie doch in eine Umgebung, wo das passen würde!<BR><BR>Vermissen Sie die Bühne also gar nicht?<BR><BR>Töpper: Ich könnte ja heute nirgends mehr einspringen. Das ist alles so furchtbar kompliziert geworden. Was ist denn heute Oper? Sie wird oft inszeniert, als ob man vor der Fernsehkamera und nicht auf einer Riesenbühne stehen würde. Ich war unendlich gern auf der Bühne und habe mich dort zu Hause gefühlt. Und ich war eine Steherin, war immer g'sund. Ich habe geglaubt, dass ich ohne Theaterluft nicht leben kann. Doch ich stellte leider fest: Es geht.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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