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Auf einem alten Bahnhofsgelände hat sich Thomas Hübner alias Clueso zusammen mit anderen Künstlern ein kreatives Zentrum eingerichtet. 

Interview

„Mein Leben ist wundervoll anstrengend“

Der Sänger Clueso über sein heutiges Konzert in München, seine Heimat Erfurt, seinen Großvater und Udo Lindenberg

Ein alter Güterbahnhof in Erfurt. Davor Kopfsteinpflaster und Gestrüpp, drinnen hat sich Thomas Hübner alias Clueso mit Freunden aufgebaut, was er zum Musizieren braucht. Jetzt sitzt der 34-jährige erfolgreiche Singer-Songwriter am Küchentisch, einer umfunktionierten Tür, trinkt Kaffee (ohne geht nichts bei ihm) und erzählt, warum er zu München einen besonderen Bezug hat. Jüngst trat er nach dreijähriger Pause bei „Energy in the Park“ auf, heute stellt er sein neues Album „Stadtrandlichter“ im Zenith vor.

Sie haben einen guten Draht nach München.

Ich komme ja aus der Hip-Hop-Szene, und die erste Band, die mir geholfen und mich motiviert hat, was anderes zu machen, war Blumentopf aus München. Ich war seither öfter im Studio, bei denen in der WG, habe ihren DJ jetzt erst wieder besucht. Die haben mir die Stadt von einer ganz anderen, wundervollen Seite gezeigt – großartige Cafés, eine tolle alternative Szene, Chillen an der Isar und am Eisbach. Ich dachte aus der Entfernung immer, München sei schickimicki, da wohnen nur reiche Leute. Das stimmt aber nur zum Teil.

Sie lebten schon mal drei Jahre in Köln, aber Ihr Herz klebt an Erfurt. Warum?

Erfurt ist meine Heimatstadt, aber gleichzeitig auch meine Wahlheimat. Dort leben alle meine Freunde. Ich kenne alles und jeden. Das schafft ein Zuhausegefühl, gibt Sicherheit. Ich mag auch die Stadt an sich, stehe aber manchmal auf Kriegsfuß mit ihr. Es wird viel zu wenig Raum geboten für Jugendliche, sich viel zu wenig für sie eingesetzt. Ich sehe es als Aufgabe, zu bleiben und ein bisschen zu kämpfen.

Sie haben eine Künstler-Gemeinschaft aufgebaut, den Zughafen. Wollen Sie zeigen, dass man im Osten bleiben und trotzdem erfolgreich sein kann?

Klar. Kraftklub aus Chemnitz hat einen Song „Ich will nicht nach Berlin“. Ich bin nicht gegen etwas, sondern sehr stark für Erfurt. Aber ich hatte nicht nur Lust zu bleiben, sondern ich hatte auch Glück. Wenn mein Freundeskreis nicht mitgezogen, wenn es hier nicht noch preiswerte Räume gegeben hätte, dann hätte ich vielleicht auch das Handtuch geworfen.

In den vergangenen drei Jahren haben Sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Was haben Sie gemacht?

Ich habe viel Musik gemacht. Einiges sortiert. Viel produziert. Und versucht zu genießen, dass man keine Interviews geben muss, Zeit für sich hat. Ich habe zum Beispiel ein Album mit meinem Großvater produziert. Das ist aber nur für die Familie. Das wird nicht rauskommen – höchstens mal ein Song. In einer Zeit, in der alles sofort verfügbar ist, finde ich es geil, wenn man Sachen auch für sich behält.

Verraten Sie trotzdem etwas über diese Platte? Ist Ihr Opa Musiker?

Ja. Und ein starkes Vorbild. Ich mag ihn sehr, den alten, coolen Herrn. Wir haben eine Art deutsche Johnny-Cash-Nummern aufgenommen mit witzigen O-Tönen, typisch Nachkriegsgeneration. Er spielt Gitarre, seine Stimme klingt sehr alt. Und dann habe ich auf Reisen Songs aufgenommen, viel mit der Gitarre.

Welche Länder haben Sie besucht?

Ich habe teilweise Reisen verarbeitet, die ich für das Goethe-Institut gemacht hatte – nach Asien, Neuseeland, Australien, Amerika. Darüber habe ich Lieder geschrieben. Dann bin ich auf eigene Faust unterwegs gewesen, in Thailand, auf Fuerteventura, ich war in Paris, Venedig, habe mich dort in ein Hotel eingenistet und mich an die Bar gesetzt. Jetzt werde ich mir London anschauen, eine Stadt mit großer Musikgeschichte.

Brauchten Sie diese Zeit auch, um zu sich zu finden?

Natürlich ist jeder Schaffensprozess auch eine Reise ins Ich und eine Selbstfindung. Ich habe ein wundervoll anstrengendes Leben. Ich erfahre zum ersten Mal, was es heißt, berühmt zu sein. Wenn das Einzug in den Alltag hält, wenn das dann plötzlich dein Leben ist, muss man das erst mal verdauen. Dafür habe ich Zeit gebraucht. Auch um zu erkennen, dass ich wieder mehr experimentieren, mehr Naivität zulassen sollte. Und dass ich Musik für mich mache. Nicht für andere.

Der neue Clueso klingt nachdenklicher, gereifter, geerdeter. Würden Sie das unterschreiben?

Ja, das stimmt. Da ist eine gewisse Objektivität, Reife, Tiefe da, sogar in einem Lied wie „Nebenbei“, das komplett in der Jugendsprache erzählt ist. Es ist auch meine Band, die mich immer wieder dorthin bringt. Ich höre, dass in den alten Hip-Hop-Songs noch mehr Witz drin ist. Jetzt singe ich: „Alles leuchtet, du drehst auf, alles leuchtet ein.“ Das sind auch Wortspiele, aber der Witz ist ein bisschen raus. Das macht alles melancholischer. Ich finde, dass inzwischen mehr meine Handschrift zu erkennen ist.

Wie wichtig war es in diesem Reifeprozess, ein eigenes Label zu gründen, alles in eigene Hände zu legen?

Jetzt arbeiten enge Freunde in Erfurt für mich und nicht Leute aus einer anderen Stadt, die ich nur aus der Musikbranche kenne. Jetzt telefonieren wir selbst mit Geschäftspartnern. Wir können eigene Vorstellungen durchsetzen. Wer irgendetwas mit uns machen will, muss direkt mit uns kommunizieren. Das ist eine andere Position. Eine schöne Freiheit. Was nicht heißt, dass ich bei „Four Music“ (Berliner Plattenlabel, das 1996 von den Fantastischen Vier gegründet wurde; Anm. d. Red.) bisher kein schönes Zuhause hatte.

Zum Schluss möchte ich nochmal zu einem älteren Mann kommen, nicht zu Ihrem Opa, sondern zu Udo Lindenberg, Ihrem Kollegen. Ist er ein besonderer Freund?

Udo ist ein Kumpane geworden, ein Wegbegleiter, den ich jederzeit fragen kann, der mich zu seinen Konzerten holt und umgekehrt. Mich verbindet geschichtlich viel mit ihm, weil ich ein Ostkind bin, das viel Udo gehört hat, auf Tonbändern von meinem Vater. Wer hätte gedacht, dass ich kleiner Popel aus Erfurt mal mit Udo dessen erfolgreichste Single „Cello“ singen würde? Niemand. Er ist wie mein großer Bruder.

Wird er heute in München mit Ihnen auftreten?

Ich glaube nicht, aber ich habe ihm die Tour-Daten durchgegeben, und er darf entscheiden, bei welchem Konzert er kommt. Es könnte also durchaus passieren, dass er vorbeischaut.

Das Gespräch führte Marco Mach

Clueso: „Stadtrandlichter“

(Universal).

Clueso stellt sein Album heute Abend, 20 Uhr, im Münchner Zenith vor. Restkarten an der Abendkasse.

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