Mein Papa, die Königin

- Ein (Lotterie-)Spiel mit Wiedererkennungswert: Seit Jahren rangiert António Lobo Antunes bei den Wettbüros in Sachen Nobelpreis ganz oben. Sein portugiesischer Landsmann José Saramago erhielt bereits den Millionen-Scheck, heuer zog der Südafrikaner J.M. Coetzee an ihm vorbei.

<P>Aber die Ehrung ist wohl aufgeschoben, denn auch Antunes' Roman "Was werd ich tun, wenn alles brennt?" sichert ihm eine besondere Stellung unter den Gegenwartsautoren. "Schuld" daran: der charakteristische, soghafte Stil. Dieses Verschmelzen von innerem Monolog, Vision und wörtlicher Rede. </P><P>Die unmerklichen Perspektivwechsel. Das Überblenden verschiedener Zeitebenen. Die Musikalität des Textes, wenn Sätze und Situationen in neuen Rhythmisierungen oder Variationen erscheinen, wie Leitmotive aufblitzen oder sich kaleidoskopartig zu neuen Zusammenhängen gruppieren. </P><P>Mehr noch als in seinen historischen Romanen, in denen Antunes den Zusammenbruch des portugiesischen Weltreiches aufarbeitet, scheint sein unverwechselbarer Stil zur Handlung des neuen Buches zu passen. Und wird doch zum Problem. Antunes' Anti-Held ist Paulo, Sohn des Lissabonner Edel-Transvestiten Carlos, einer alternden "Drag Queen". </P><P>Durch Rui, Papas Liebhaber, gerät Paulo in die Drogenszene, landet in einem Krankenhaus oder einer psychiatrischen Anstalt und lässt nun, nach dem Tod von Carlos und Rui, die Gedanken um sein merkwürdiges Leben kreisen. Das gestörte Verhältnis zum nie akzeptierten, doch wohl geliebten Vater, auch zur alkoholkranken Mutter, die Unfähigkeit, eine Beziehung aufzubauen, die Scham über seine Familie - all dies vereint sich zu einem Literatur-Dickicht, das es dem Leser nicht leicht macht. </P><P>Paulos Halluzinationen, die sich mit realen Erinnerungen mischen, werden von Antunes mit anfangs faszinierender, surrealer, bald jedoch ermüdender Komplexität wiedergegeben. Und irgendwann ist die Schwelle überschritten, wo diese Komplexität zum Selbstzweck wird, wo Form über Inhalt dominiert, wo das Sujet den stilistischen Drechseleien nicht mehr standhalten kann. </P><P>Auch verlässt Antunes' seine Fähigkeit, Kapitel zu runden, in einer finessenreichen Dramaturgie neue Informationen einzuflechten, die Handlung dadurch voranzutreiben. Wie entleert, erschöpft wirkt diese Geschichte nach einiger Zeit. Manch Antunes-Fan wird das Buch also enttäuscht zur Seite legen. </P><P>Und dem nächsten Historienroman entgegenfiebern. António Lobo Antunes: "Was werd ich tun, wenn alles brennt?" Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minemann. Luchterhand Literaturverlag, München. 700 Seiten, 25 Euro. </P>

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