Das ist mein Versuch

- Es begann in einem ausgeräumten Kuhstall, in Deichselfurth bei Tutzing. Er spielte in Dürrenmatts "Ein Engel kommt aus Babylon" den jungen König Nebukadnezar. Und sein eigener Vater den Henker. Leopold Hornung war 18, stand auf einer Stall-Bühne und beschloss, Berufsschauspieler zu werden. Der elterliche Beifall war zunächst verhalten. Als sich bei seiner ersten großen Rolle in einer Studenten-Produktion an der Bayerischen Theaterakademie die Kritiker überschlugen und ihn zum "Enkel des großen Rolf Boysen" erklärten, zerstreuten sich die gutbürgerlichen Bedenken. Seit Beginn der Ära Stückl spielt Leopold Hornung im Ensemble des Volkstheaters. Der Titelheld in Shakespeares "Romeo und Julia" ist seine erste Hauptrolle. Premiere ist heute, Regie führt Nuran Calis.

<P>"Hochbegabt im Komischen wie im Tragischen": ein Zitat aus der Rezension für Ihren ersten öffentlichen Auftritt auf einer Münchner Bühne. Wie lebt es sich als junge "Hoffnung für spätere Charakterhelden"?<BR>Hornung: Ich habe das Lob in die Egotasche gesteckt. Das ist ein geistiger Raum für Komplimente, große Rollen, erste Engagements. In schwierigen Zeiten greife ich da rein.</P><P>Und die Rolle des Romeo? Kommt die auch in die Egotasche?<BR>Hornung: Romeo ist für einen jungen Schauspieler keine dankbare Rolle. Er gehört zu den großen Liebenden. Und Liebe auf der Bühne zu spielen, ist unglaublich schwer. Der Grat zur Sentimentalität ist schmal. Alle kennen das Stück. Wenn man sagt, man probt gerade Romeo, dann fällt einem jeder gleich ins Wort: "Ja, ja die Lerche war's, und nicht die Nachtigall." Das ist typisch. Romeo spricht nämlich nur in Bildern. Seine Sprache ist verblümt. Um mein Gegenüber damit zu erreichen, muss ich einen direkten Zugang zu den Bildern finden. Romeo ist vielleicht weniger eine Rolle als eine Prüfung. Und er ist übrigens tatsächlich meine Diplomrolle. In der Premiere sitzen nicht nur die Kritiker, sondern da sitzt auch die Prüfungskommission der Theaterakademie!</P><P>Kann man durchfallen?<BR>Hornung: Wenn die Balkon-Szene mit dem Schwur auf ewige Treue missglückt! Die Note ist vielleicht eher pro forma oder für die Rente. Immerhin handelt es sich um die Abschlussarbeit einer Hochschulausbildung.</P><P>Wofür kann heute der Konflikt zwischen den Veroneser Familien der Montagues und Capulets noch stehen?<BR>Hornung: Romeos Eltern sind in unserer Version gestrichen. Es gibt nur noch Julias Mutter. Die verfeindeten Familien-Clans sind ersetzt worden durch rivalisierende Banden. Die Montagues sind die Straßenkinder. Sie leben von der Hand in den Mund. Die Capulets gehören zur Upper-Class. Der familiäre Konflikt hat sich ins Soziale verlagert.</P><P>Wann sind Sie mit sich selbst zufrieden?<BR>Hornung: Wenn ich das Gefühl habe, dass der Funken ins Publikum gehupft ist. Wenn die Zuschauer nach der Vorstellung zu mir kommen und sagen: Du hast mich zum Lachen, du hast mich zum Weinen gebracht. Dann ist meine persönliche Mission erfüllt. Aber ich finde, ein Schauspieler muss auch mal die Chance haben, schlecht zu sein. Es muss doch auch mal möglich sein, etwas nicht hinzukriegen! Jemanden auf der Bühne zu sehen, der den Mut zeigt zu scheitern, der einem Risiko vorsätzlich nicht aus dem Weg geht, dass kann doch sehr spannend sein. Ich will sehen, wie ein Schauspieler kämpft. Was machen wir jungen Leute hier am Volkstheater denn anderes? Ohne Berufserfahrung, ohne die stabilisierende Kraft älterer Kollegen? Wir sind Mitte zwanzig. Wir haben Mut. Wir haben Angst. Vielleicht ein bisschen Talent. Und die Frechheit zu sagen: Das ist mein Versuch! Das ist meine Arbeit!</P><P>Das Gespräch führte Marietta Piekenbrock<BR></P>

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