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„Heimat“ ist der Titel des Konzertprogramms und der neuen CD von Patricia Kopatchinskaja. Sie stammt aus Moldawien.

„Meine Augen schauen in die Zukunft“

München - Fremde und Heimat: Patricia Kopatchinskaja über ihre Wurzeln, Volksmusik und deren Beziehung zur Klassik

„Heimat“ lautet das Thema, mit dem sich Geigerin Patricia Kopatchinskaja auf ihrer jüngsten CD auseinandersetzt (siehe Kurzkritik) und das nun auch das Programm der aktuellen Tournee bestimmt, auf der sie unter anderem von ihren Eltern musikalisch begleitet wird – inklusive drei Stationen im Münchner Umland. Bei einer international viel beschäftigten Künstlerin – geboren in Moldawien, aufgewachsen in Wien und nun in Bern sesshaft – drängt sich da natürlich eine Frage besonders auf.

Wo ist heute für Sie Heimat?

Das frage ich mich auch oft. Und die beste Antwort, die mir einfällt, ist eigentlich die: auf der Bühne und in den Stücken, die ich spiele. Alles andere ist ein Provisorium. Außer meiner Familie selbstverständlich, die mir absolut alles bedeutet. Ich stelle mir das so vor. Unser Körper bewegt sich und ist jeden Tag woanders. Die Seele dagegen, die schwebt über allem und versucht, ihren Ort zu finden. Und dieser Ort ist für mich in der Musik.

Das ist bei vielen Künstlern die Standardantwort.

Aber so ist es eben. Ich habe überhaupt keine Probleme mit solchen Klischees, weil oft etwas Wahres in ihnen steckt. Deswegen entstehen sie ja.

Trotzdem muss es schwierig gewesen sein, die Heimat so jung hinter sich zu lassen.

In meiner Generation ist das nicht ungewöhnlich. Fast alle klassischen Musiker aus dem ehemaligen Ostblock, die Karriere gemacht haben, mussten davor emigrieren. Kirill Petrenko zum Beispiel auch. Wenn ich in Moldawien geblieben wäre, dann würde ich heute vielleicht Kartoffeln auf dem Markt verkaufen. Oder ich wäre mit einem Oligarchen verheiratet. (Lacht) Da gibt es ja inzwischen mehr Banken als in der Schweiz.

Auf Ihrer neuen CD spielen Sie dennoch fast ausnahmslos Musik aus Ihrem Geburtsland.

Das, was man auf der CD findet und was jetzt auch im Konzert zu hören sein wird, ist für mich sehr wertvoll. Es ist sozusagen ein Stück von mir und von meiner Vergangenheit. Ich bin definitiv kein Volksmusiker wie meine Eltern. Aber wenn man wie ich in einer Familie aufwächst, bei der im Zimmer nebenan eigentlich permanent traditionelle Volksmusik gemacht wird, da kommt man nicht daran vorbei. Auch wenn man Distanz wahren will und ein klassisches Studium absolviert. Es ist eben ein wichtiger Teil von dem, was mich ausmacht.

Und darüber hinaus auch eine Inspirationsquelle für zahlreiche Komponisten.

Genau! Wenn wir uns nur mal Schubert und Brahms anschauen, aber auch Ives oder Ligeti. Deren Arbeit wäre ohne die jeweilige Volksmusik ihrer Heimat gar nicht denkbar. Das vergisst man immer recht gern. Und wenn man überlegt, was in tausend Jahren von unserer Kultur noch übrig sein wird, dann ist das vielleicht gar nicht mal unbedingt eine große Oper oder Sinfonie, sondern womöglich ein einfaches Volkslied.

Glauben Sie wirklich? Trotz wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung?

Ich bin keine Rassistin, um Gottes willen, aber ich denke doch, dass man sich etwas von seiner nationalen Identität bewahren muss. Das ist sehr wichtig. Fast schon etwas Heiliges.

Für manche aber leider auch etwas Altbackenes.

Es darf nicht museal werden oder à la Karl Moik. Davor habe ich Angst. Diese Musik muss in Bewegung bleiben. Nicht unbedingt, dass man sie ständig verändert, aber so, dass man sie immer wieder neu aufführt.

Oder, wie Sie jetzt, auch mal einem klassischen Publikum unterjubelt.

Wir machen Volksmusik in einem beinahe akademischen Kontext. Also kombiniert mit klassischen Stücken von Enescu oder Ravel. Obwohl das teilweise fast ein wenig absurd ist. Ravel zum Beispiel hat keine einzige originale Zigeunermelodie verarbeitet. Es ist eine totale Fälschung. So als ob wir eine chinesische Vase nachtöpfern würden.

Und wer kam auf die Idee für diese Familientournee?

Die Idee, Volksmusik und Klassik zu verbinden, gab es schon länger. Mein Vater hat lange dafür gekämpft, dass sein Instrument, das Cymbal, nicht in dieser Ecke bleibt, weil es einfach unglaubliche Möglichkeiten hat. Aber meine Eltern werden nicht jünger, und wir wollten einfach die Zeit nutzen, solange sie noch die Kraft dazu haben. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir die CD und diese Konzerte realisieren konnten.

Wird es bei Ihnen ähnlich weitergehen?

Im Moment beschäftige ich mich auch viel mit zeitgenössischer Musik. Ich mag das, weil man dabei unmaskiert spielen kann, gewissermaßen ohne Filter. Im Gegensatz zu den großen Klassikern gibt es da noch keinen festgefahrenen Stil und man hat wenig Gelegenheit, darüber zu lesen oder sich beeinflussen zu lassen. Bei Mendelssohn ist jeder Ton schon vor dir tausende Male von anderen genial gespielt worden. Doch um wieder auf die Frage zurückzukommen: Mein Handwerk ist und bleibt die klassische Musik, aber meine Augen schauen in die Zukunft. Und wer weiß schon mit Sicherheit, was da noch kommen wird?

Das Gespräch führte Tobias Hell.

Konzerte: 8. Januar Iffeldorf, 9.1. Vaterstetten, 10.1. Gauting.

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