Meine beste Lehrerin ist die Bühne

- Als sie 2002 die Donna Anna im Salzburger "Don Giovanni" sang, war die Verblüffung groß. Dank ihrer phänomenalen Stimme und ihres expressiven Spiels drängte sie arrivierte Kollegen glatt ins zweite Glied. Seitdem ist Anna Netrebko (32) auf dem Weg zur Weltstar, wird gar - was unvermeidlich scheint - mit Maria Callas verglichen. Anna Netrebko stammt aus dem südrussischen Krasnodar, studierte in St. Petersburg, ihre künstlerische Heimat ist das dortige Mariinski-Theater. Am Samstag debütierte sie an der Bayerischen Staatsoper im Festspiel-Konzert, am 20. Juli singt sie die Violetta in der schon ausverkauften "La traviata".

<P>Sie sagten einmal, sie benötigten auf der Bühne den gewissen Kick. Wie ist es darum bei "La traviata" bestellt?<BR><BR>Netrebko: Violetta ist eine sehr schwierige, dramatische Partie, es kann jede Sekunde etwas passieren. Ich mag besonders den letzten Akt, den Tod Violettas. Was sonst alles geschieht, wird die Münchner Aufführung zeigen.<BR><BR>Verstehen Sie eigentlich Violetta? Dass sie Alfredo loswerden möchte, obwohl sie ihn liebt?<BR><BR>Netrebko: Nun ja, sie ist eine schlaue Frau mit einer großen Seele. Aber ich mag's nicht, wenn alle glauben, Violetta sei eine Heilige. Sie ist Kurtisane, eine Edel-Hure. Sie kommt von ganz unten. In Dumas' Vorlage verlässt sie Alfredo, weil das Geld aus ist. Und das will ich ausdrücken. Ich werde sie nicht zu süß spielen. Danach höre ich sowieso damit auf.<BR><BR>Mit Violetta?<BR><BR>Netrebko: Ja, nach "La traviata" in München möchte ich die Rolle einige Jahre lang nicht mehr singen, nach insgesamt zehn Aufführungen. Sie ist gefährlich für die Stimme. Es ist ja nicht nur das Singen, sondern auch das kräftezehrende Spiel. Ich habe viele Violettas gesehen. Stimmlich toll, darstellerisch kühl. Und daher kann ich mich gar nicht mehr an sie erinnern.<BR><BR>Zehnmal die Rolle absolviert, dann Schluss: Das hat die Callas oft getan.<BR><BR>Netrebko: Stimmt. Als ich mit dem Singen begann, versuchte ich, sie zu kopieren. Das tun doch alle. Und prompt habe ich meine Stimme verloren (lacht). Für zwei Wochen! Und ein halbes Jahr lang brauchte ich, um mir ihre Gestik abzugewöhnen.<BR><BR>Wie sah eigentlich Ihr erster Besuch in einem Opernhaus aus?<BR><BR>Netrebko: Da war ich 17, studierte schon in St. Petersburg. Jeder sang andauernd, das fand ich irgendwie lustig. Und seit diesem Abend mochte ich Oper immer mehr. Meine Eltern wunderten sich zwar, warum ausgerechnet ich Sängerin werden wollte. Aber ich komme aus einer musikalischen Familie, wir haben viel zu Hause musiziert. In meiner Heimatstadt gab es keine Oper, nur ein Operettenhaus. Daher kenne ich mich in diesem Genre ganz gut aus, ich will auf jeden Fall Operette singen. Das Problem ist nur, dass die meisten auf Deutsch sind.<BR><BR>Sie sind immer noch im Kirov-Ensemble, obwohl Sie gerade eine internationale Karriere starten.<BR><BR>Netrebko: Das Ensemble ist wichtig für mich, weil ich es als Heimat brauche. Ich bin dort aufgewachsen, sang dort meine großen Partien, das Publikum liebt mich. Dirigent Valery Gergiev hat mir viel geholfen, er ist wie Gottvater für mich. Ich habe auch eine Wohnung in St. Petersburg, in der ich viel zu wenig bin. Irgendjemand schrieb, ich würde in Los Angeles leben. Blödsinn. Für eine Wohnung in dieser Stadt werde ich nie genug Geld haben. Ich gebe ja alles für Schuhe aus.<BR><BR>Bleibt's in München beim Konzert und der einmaligen Violetta?<BR><BR>Netrebko: Nein, wir haben über vieles gesprochen, meist Wiederaufnahmen im Repertoire. Mein Tenor-Kollege Ramon Vargas hat mir vom Publikum vorgeschwärmt. Er meint, es sei das beste überhaupt. Die Leute würden fast ausgelassen reagieren, schreien, trampeln. In Salzburg werde ich neben der Donna Anna demnächst auch Susanna im "Figaro" singen - und Ilia in "Idomeneo". Schade. Ich habe gefleht: Lasst mich die Elektra im "Idomeneo" übernehmen. Ich fühle doch wie sie, eine total verrückte Frau. Abgelehnt. Aber am liebsten ist mir Wagner, obwohl ich ihn nie singen werde. Macht nichts, Zuhören reicht bei dieser wundervollen Musik.<BR><BR>Arbeiten Sie noch immer mit einem Gesangslehrer?<BR><BR>Netrebko: Leider nein, weil ich momentan keine Zeit dafür habe. Ich habe letztes Jahr bei Renata Scotto studiert. Sie mag eine komplett andere Stimme haben, sang aber mit 30 dasselbe Repertoire wie jetzt ich. Sie hat mir beim Belcanto-Stil viel geholfen. Doch meine beste Lehrerin ist immer noch die Bühne.<BR><BR>Sie werden als eine Art Diva des 21. Jahrhunderts vermarktet. Was denken Sie darüber?<BR><BR>Netrebko: Ich denke nicht so furchtbar viel über mich nach und darüber, wie ich wirke. Ich mache meine Arbeit, und das bestmöglich. Die Leute sollen sich an mich erinnern als eine gute Sängerin. Offenbar braucht der Markt so etwas wie Diven. Ich nicht.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P><P>Heute erscheint Anna Netrebkos erste CD, auf der sie unter anderem Werke von Mozart, Berlioz Donizetti und Puccini singt. Gianandrea Noseda dirigiert die Wiener Philharmoniker (Deutsche Grammophon).</P>

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