Meine erste große Liebe

- Seit vielen Jahren gehört der Holländer Leon de Winter (50) zu den wichtigsten Autoren seiner Generation. Jetzt wurde sein Buch "SuperTex", das vielschichtige Porträt einer Familie in einer Zerreißprobe, vom Berliner Jan Schütte verfilmt. Bei einer Vorpremiere stellte de Winter den Film, der am 11. März ins Kino kommt, in München vor.

<P>Mehrere Ihrer Bücher wurden zu Kinovorlagen. Was haben Sie für ein Verhältnis zum Kino?<BR>de Winter: Ich bin völlig filmverrückt. Schon als Kind gehörte es zu den schönsten Erfahrungen, am Sonntag ins Kino zu gehen. Das Kino war meine erste große Liebe. Darum habe ich auch mit einem Studium an der Filmhochschule begonnen.</P><P>Wirkt sich diese Liebe zum Kino auch auf Ihr Schreiben aus?<BR>de Winter: Ich glaube schon. Das Wesentliche der Kinoerfahrung ist für mich die Mischung aus Musik und Bild. Ich weiß, dass die Dramaturgie eines Romans im Prinzip etwas ganz anderes ist. Dennoch sind meine Bücher auf ihre Art "Film-Romane". Ich versuche so visuell, wie möglich zu beschreiben.</P><P>Wenn Sie Jan Schüttes Verfilmung Ihres Romans sehen _ wo ist sie fremd, wo wirkt sie vertraut?<BR>de Winter: Sie wirkt vertraut und gleichzeitig ganz anders. Jan Schütte hat eigene Akzente gesetzt. Wir wissen, dass es Literaturverfilmungen eigentlich gar nicht gibt. Es gibt nur das Wort, aber die Sache ist unmöglich. Worum es geht, ist, ob es gelingt, aufgrund einer Vorlage etwas Neues zu schaffen. Das ist Jan gelungen.</P><P>Was steht für Sie im Zentrum von "SuperTex"?<BR>de Winter: Es ist eine Trauergeschichte. Es geht um Abschied: vom Vater, von der Tradition, von allem. In manchen Szenen ist der Film subtiler als mein Buch. Das ist eher geschrieben im Stil einer italienischen Oper: Ich habe alles vergrößert, es ist melodramatischer. Der Film ist Kammermusik.</P><P>Für Schütte ist dies die Geschichte eines Erwachsenwerdens . . .<BR>de Winter: Für mich gibt es auch die Last der Vergangenheit. Man will sich von ihr befreien, aber es kommt alles zurück. Ich habe lange mit der wunderbaren Illusion gelebt, dass es anders sein könnte.</P><P>Ist das eine gute oder schlechte Nachricht?<BR>de Winter: Wenn man spürt, dass da noch anderes ist als der freie Wille, wird das sehr spannend. Wenn man Glück hat, wird man reifer. Man erkennt, dass der Kompromiss etwas Gutes ist. Aber das kann man nicht wissen, wenn man sich wie Max, die Hauptfigur des Buchs, im Aufstand befindet. Max muss lernen zu akzeptieren, dass er nicht nur er selbst ist, sondern zugleich auch Teil einer Kette.</P><P>"SuperTex" erzählt von einer jüdischen Familie. Bemerkenswert ist, dass der Holocaust keine Rolle spielt. Ist es etwas Besonderes, dass ein Deutscher die Geschichte verfilmt?<BR>de Winter: Es ist eine Erleichterung. Die Vergangenheit ist nur im Hintergrund präsent. Diese Normalisierung ist notwendig. Ohne etwas zu vergessen natürlich. Jan Schütte hat ein gutes Auge dafür gehabt, die Geschichte aus dem Schatten der Vergangenheit zu holen. </P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR></P>

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