"Meine Ruh ist hin"

- Ihre Karriere begann beim ARD-Musikwettbewerb, jetzt kehrt Jessye Norman als Superstar nach München zurück. Die Auftritte einer der größten Diven unserer Zeit sind längst nicht mehr normale Liederabende, sie sind Hochämter, von Publikum und Sängerin gleichermaßen zelebriert. Am 1. Mai gastiert die Amerikanerin in der Philharmonie am Gasteig.

Sie haben 1968 den ARD-Wettbewerb gewonnen. Gute Zeit?

Jessye Norman: Aber sicherlich! Und ein Flug ins Ungewisse. Im Flugzeug sprach ich ständig die Worte "Bayerischer Rundfunk" vor mich hin, ich wollte es im Taxi richtig sagen. Als ich den Wettbewerb gewann, rief ich meine Eltern an und fragte: "Was nun?!" Ich habe immer alle Verträge zuerst mit meinem Vater besprochen. "Lies das Kleingedruckte!", hat er mir immer gesagt. Es waren endlose Telefonate, ich habe meine halbe Gage vertelefoniert. Der Preis in München bedeutete, dass ich vielleicht in Europa bleiben würde.

Haben Sie etwas bayerische Lebensart angenommen?

Norman: Ehrlich gesagt: Nein. Weißwürste und Bier passen irgendwie nicht zu mir.

Was passt zu Ihnen?

Norman: Dom Pérignon und Cristal. Und nach einer Vorstellung vielleicht etwas Fisch und Salat. Gar nichts Kompliziertes.

Ein Höhepunkt Ihrer Karriere war die CD mit den "Vier letzten Liedern" von Richard Strauss unter Kurt Masur. Mit welchen Dirigenten hätten Sie gern mehr gearbeitet?

Norman: Mit Karl Böhm. Wir wollten Strauss machen und Wagners Wesendonck-Lieder. Aber wir waren bei unterschiedlichen Firmen. Heute lacht man darüber, weil Deutsche Grammophon und Philips jetzt zusammengehören. Das Gleiche war mit Karajan und Bernstein der Fall. Mit Karajan habe ich viel mehr geredet als musiziert. Er war der einzige Mensch, der in der Pause eines Liederabends in meine Garderobe kommen durfte.

Konnten Sie nicht selbst aktiv werden?

Norman: Das gab es schon einmal, als sich Schauspieler in Hollywood zusammenschlossen und die berühmte Filmproduktionsgesellschaft "United Artists" gründeten. Als Gegenbewegung zum damaligen System, wo Schauspieler bei einem Studio unter Vertrag waren und es ihnen nicht gestattet war, von anderen Produzenten Offerten anzunehmen. Es könnte vielleicht möglich sein, dass Sänger ein Plattenlabel gründen, um jene Musik aufzunehmen, die wir zu singen ersehnen. Mit den neuen Technologien wie etwa dem Internet könnten sich neue Perspektiven ergeben, da etwa die Distribution weniger problematisch wäre als früher.

Das könnte ein Beginn von "United Singers" sein. Was würden Sie aufnehmen?

Norman: Ich möchte Songs von Cole Porter und Duke Ellington aufnehmen. Und die Goethe-Lieder von Hugo Wolf. Meine Liste ist lang. Doch die CD-Firmen sehen heute keine Verpflichtung mehr darin.

Sie waren einige Jahre nicht auf Europa-Tournee. Jetzt kehren Sie mit Mahler, Strauss, Berlioz und Schönbergs Brettl-Liedern zurück. Ihr Programm heißt: "Between Love and Loss". Was haben Sie verloren?

Norman: Ich habe nichts verloren. Aber die Liebe, über die ich singe, ist ein zweischneidiges Ding. "Die Liebe hat gelogen", heißt es bei Schubert. Und: "Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer."

Ist das Ihre Erfahrung?

Norman: Das Leben ist manchmal so fantastisch, dass es kaum auszuhalten ist. Wenn mitten im Januar die Sonne scheint, es wird einem fast zu warm, dann ist das Leben toll. Wenn ich aber dabei sofort an Erderwärmung und Klimaschutz denken muss, ist das Leben nicht mehr so toll.

Sie gelten politisch als Demokratin. Wie lebt es sich zurzeit in Amerika?

Norman: Hart, und es wird immer anstrengender. Aber ich habe entschieden, zu bleiben und wenigstens meine Stimme zu erheben.

Was kritisieren Sie?

Norman: Dass man im Weißen Haus das eine sagt und das andere tut. Es treibt mir die Tränen in die Augen, wenn ich sehe, wie man Lippenbekenntnisse zugunsten der Kindererziehung loslässt und hinterrücks Gelder sperrt. Es macht mich verrückt! Ich habe mich stark dafür engagiert, dass Kindern aus benachteiligten Familien der Besuch eines Kindergartens ermöglicht wird. Die Schule müsste für Kinder schon mit vier Jahren beginnen, für manche ist es mit fünf Jahren schon fast zu spät. Der Mann im Weißen Haus sagt im Fernsehen, kein Kind dürfe benachteiligt werden und kürzt anschließend die Mittel. Was soll das?!

Ihre Vorfahren kamen auf einem Sklavenschiff aus Afrika. Spielt das in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Norman: Es bedeutet mir mehr, als ich überhaupt beschreiben kann. Wenn ich auf der Bühne stehe und singe, denke ich, dass meine Vorfahren glücklich sind. Sie wurden dafür bestraft, als sie versuchten, lesen zu lernen. In meiner jetzigen Familie haben alle studiert. Dazwischen liegen nur 150 Jahre, das ist eigentlich wenig Zeit.

Wollen Sie sagen, Sie singen für Ihre Vorfahren?

Norman: Ich singe für mich, aber alles gehört doch zusammen. Ich werde Ihnen etwas verraten. Bei meinen Auftritten trage ich oft die Ohrringe meiner Großmutter. Das ist mir wichtig. Denn auf diese Weise sind meine Vorfahren ganz nah bei mir. Und die Vergangenheit ist präsent.

Das Geheimnis Ihres Erfolgs bestand nicht zuletzt darin, dass Sie es schafften, Ihre von Natur aus schwere Stimme leicht zu machen, sie schweben zu lassen. Wie haben Sie das geschafft?

Norman: Vielleicht dadurch, dass ich mich immer mit Bach einsinge? Ich bin einmal an der Garderobe von Birgit Nilsson vorbeigegangen und habe gehört, dass sie sich mit Mozart einsang. Mit Paminas "Ach, ich fühl's". Ich fand das unglaublich bei einer so großen, hochdramatischen Stimme. Birgit Nilsson sang an diesem Abend "Götterdämmerung". Das war mir eine Lehre. Schwere Stimmen müssen flexibel sein.

Sie waren immer eine sehr schöne Sängerin, fast eine Mode-Ikone. Sind Kleider mehr als Äußerlichkeiten?

Norman: Viel mehr! Bei einem Liederabend habe ich ja keine Kostüme und kein Bühnenbild, obwohl Lieder für mich Minidramen sind. Wenn ich ein Kleid von Gianfranco Ferré´, Dior oder Yves Saint-Laurent bekomme, weil er findet, dass ich eine gute Sängerin bin, kann ich nur sagen: Gott sei Dank! Natürlich reicht die Schönheit eines Kleides nicht aus. Ich muss darin sagen können: Hier bin ich zu Hause.

Einige Kleider von Ihnen hängen im Museum. Wegen des Designers oder wegen Ihnen?

Norman: Wegen beiden. Und gut, dass ein Kleid wie die "Tricolore", die ich 1989 beim Singen der "Marseillaise" in Paris getragen habe, dort ist. Denn ich hätte es doch nie wieder tragen können.

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