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Kurt Westergaard bei der Arbeit an seinem Schreibtisch im dänischen Viby.

Zehn Jahre nach den Mohammed-Karikaturen

„Meine stärkste Reaktion ist Wut“

Viby - Es ist zehn Jahre her, dass zwölf Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ eine internationale Krise auslösten. Doch der Streit darum ist nicht vergessen. Für Zeichner Kurt Westergaard ist das Leben nicht mehr wie zuvor.

Wer an der Tür des Reihenhauses von Mohammed-Zeichner Kurt Westergaard in der dänischen Stadt Viby klingelt, muss damit rechnen, dass im nächsten Moment ein freundlicher Mann hinter einem steht. „Guten Tag, ich komme vom Geheimdienst der Polizei. Dürfte ich Sie bitten, einmal mitzukommen?“ Die nächsten Stunden wird dieser freundliche Mann Westergaard und seinem Besuch nicht von der Seite weichen. Es ist fünf Jahre her, dass der Zeichner in seinem Haus von einem radikalen Islamisten überfallen wurde. Und zehn Jahre, dass eine Karikatur sein Leben für immer veränderte.

Die Zeichnung ist eins von zwölf Mohammed-Bildern, die am 30. September 2005 in der „Jyllands-Posten“ erscheinen. Sie zeigt den Propheten, der statt eines Turbans eine gezündete Bombe auf dem Kopf trägt. „Für mich war das eine Routine-Aufgabe“, erzählt der 80-Jährige heute. „Ich hatte schon viele Jahre für die Zeitung politische Karikaturen gezeichnet. Manchmal gab es Reaktionen darauf.“

Mit den Reaktionen, die auf die islamkritischen Cartoons dieses Herbsttages folgten, hatte Westergaard aber genauso wenig gerechnet wie die Redakteure der rechtsliberalen „Jyllands-Posten“. Mit ein paar Monaten Verzögerung rollt eine Protestwelle in der islamischen Welt los, an deren Ende 150 Menschen tot sind. Botschaften brennen, dänische Waren werden boykottiert und Diplomaten einbestellt.

Zwölf Zeichnungen in einer dänischen Zeitung erschüttern das Verhältnis zwischen Westen und muslimischer Welt. „Für manche wurde die (Westergaards) Zeichnung zu einem Symbol für das Recht darauf, Gewalt im Namen einer Religion und eines Propheten zu kritisieren“, kommentiert Anders Jerichow in der dänischen Zeitung „Politiken“ – für andere zum Symbol der Kränkung von religiösen Überzeugungen. Westergaard landet angeblich auf einer Todesliste von Islamisten. Als die Drohungen gegen den Zeichner konkreter werden, müssen er und seine Frau Gitte die Koffer packen. Neun Monate lang ziehen sie von einem Ferienhaus in das nächste. „Das war eine seltsame Situation. Sehr deprimierend. Es war Winter, die Feriengebiete sind komplett einsam und verlassen, es ist kein Mensch dort, kein Licht“, sagt der Däne heute. „Da kann man es mit der Angst zu tun bekommen.“

Westergaards Frau Gitte hat inzwischen den Esszimmertisch mit üppigen Leckereien gedeckt, Käse, Fleischpflanzerl und selbst gebackene Semmeln. „Haben Sie noch genug Kaffee?“, fragt ihr Mann den Polizisten. Dessen Anwesenheit ist für den Zeichner und seine Frau Alltag geworden. Als das Ehepaar im Jahr 2006 aus dem Versteck zurück nach Hause kommt, gleicht ihr Heim einer Festung. Diesem Umstand könnte es zu verdanken sein, dass Westergaard noch lebt.

Denn am Neujahrstag 2010 dringt ein Mann mit einer Axt und einem Messer in das Reihenhaus ein. Westergaard stürzt in das zum Sicherheitsraum umgebaute Badezimmer und ruft um Hilfe. Ein Gericht verurteilt den Eindringling später für einen Mordversuch in terroristischer Absicht. Seitdem wird der Zeichner rund um die Uhr bewacht. „Das bedeutet aber nicht, dass wir kein normales Leben leben können“, sagt er. „Da ist natürlich eine gewisse Furcht. Aber meine stärkste Reaktion ist Wut.“

Wut auch darüber, dass die Meinungsfreiheit, um die es gegangen sei, heute nicht größer sei als damals. „Ich glaube, sie ist vorläufig kleiner geworden“, meint Westergaard. Einige seiner Kollegen seien noch immer traumatisiert, ihre Zeichnungen bei Zeitungen nicht mehr gefragt. „Die schlimmste Zensur ist die Selbstzensur.“

Viele der Hauptpersonen von damals bewegen sich aus Furcht vor Islamisten noch heute mit Leibwächtern. Auch die Redaktion der „Jyllands-Posten“ ist nach aufgedeckten Anschlagsplänen schwer gesichert. Als der Attentäter Omar El Hussein im Februar in Kopenhagen Schüsse auf ein Café abfeuert, in dem unter anderem der schwedische Zeichner Lars Vilks über Meinungsfreiheit diskutiert, fühlt sich die Bedrohung für viele Dänen wieder ganz nah an. Kurz zuvor hatte der Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ mit zwölf Toten in Paris Europa geschockt.

Wenige Monate später bekennt sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu einem Anschlag auf einen Wettbewerb von Mohammed-Karikaturen im US-Bundesstaat Texas. „Kann dieser ewige Streit um die Zeichnungen eines gewissen Propheten nicht bald einmal aufhören?“ fragt die Zeitung „Politiken“ darauf. „Nein, das kann er nicht. Es gibt immer noch Menschen, die wegen einer Zeichnung töten würden.“

In Dänemark verschärfen die Ereignisse den ohnehin rauen Ton gegen Fremde, vor allem aus der muslimischen Welt. Bei der Parlamentswahl im Juni steigen die Rechtspopulisten zur größten bürgerlichen Partei auf. Die neue liberale Regierung fährt mit ihrer Unterstützung eine betont harte Ausländerpolitik. „Der neue dänische Widerstand gegen Flüchtlinge hat für mich seine Wurzeln ganz sicher in simpler Angst“, sagt Westergaard. „Die Menschen haben Angst davor, dass sich bestimmte Muster wiederholen.“ Sie fürchten die Parallelgesellschaft, die Männer wie El Hussein hervorbringt.

Dem Gefühl von Angst will Westergaard nicht nachgeben. Würde er heute noch einmal die Aufgabe bekommen, den Propheten zu karikieren – würde er sie mit allen Konsequenzen wieder annehmen? „Ja“, sagt der Künstler, und zündet sich eine Mentholzigarette an. „Ich würde meine Zeichnung vielleicht nicht wiederholen, aber ich würde überlegen, was mir sonst einfallen könnte.“

Julia Wäschenbach

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