+
Eine seltene Spezies auf dem Klassikmarkt: Natalia Ritzkowsky, Assistentin von Zubin Mehta (re.), und Katrin Schirrmeister, Assistentin von Christian Thielemann, im Gespräch mit MM-Redakteur Markus Thiel.

Die Meister-Abschirmjägerinnen

München - Sie organisieren die Karriere, sind Abschirminstanzen, auch Seelentröster. Doch was tun die Frauen an der Seite der Star-Dirigenten eigentlich? Ein Gespräch mit Natalia Ritzkowsky, der Assistentin von Zubin Mehta, und Katrin Schirrmeister, Assistentin von Christian Thielemann.

Vier Minuten ist es her, dass er zuletzt angerufen hat. Vom Zahnarzt. Und viel Zeit verstreicht nicht, als beim Mittagessen erneut das Handy klingelt. Nichts besonderes für Katrin Schirrmeister, Christian Thielemann telefoniert eben gern. Nicht immer wird dabei Berufliches geklärt, manchmal muss es eben auch der zweckfreie Kurz-Plausch sein. Ganz so verhält es sich bei Zubin Mehta nicht. Und wenn der Meister am Apparat ist, hört er oft die Kinder von Natalia Ritzkowskys im Hintergrund. „Oh, ich störe, ich rufe später noch mal an“, entschuldigt er sich immer. „Schon hat er aufgelegt“, sagt seine Assistentin lachend. „Und ich hätte noch tausend Fragen gehabt.“

Beide Damen gehören einer seltenen Spezies an. Denn eigentlich sind Dirigenten einer Künstleragentur verbunden. Nicht Thielemann und Mehta. Sie vertrauen auf ihre persönliche rechte Hand, auf ihre Ein-Frau-Agentur. Und die erledigt vieles: Als Sekretärinnen sind die Damen tätig, als Kontaktinstanzen zu Solisten, Orchestern und Opernhäusern oder als Abschirmjägerinnen, die schon mal liebebedürftige Fans aus der Garderobe werfen. Zusätzlich ist Katrin Schirrmeister noch Sänger-Suchende, die Besetzungen zusammenstellt.

Eine spezifische Ausbildung gibt es dafür nicht. Katrin Schirrmeister arbeitete als Regieassistentin in Stuttgart, Freiburg und Wien, kam dann ans Künstlerische Betriebsbüro der Bayerischen Staatsoper und landete schließlich bei den Münchner Philharmonikern. Als die eine Assistentin für ihren damaligen Chefdirigenten brauchten, ging alles ganz schnell. Man verstand sich sofort, erst recht, als Katrin Schirrmeister („Ein preußischer Name“, lobte Thielemann) vom Star gefragt wurde, was sie denn mal werden wolle. „Intendantin“, gab sie zurück. Das gefiel ihm. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet sie für Thielemann. Im Vergleich dazu ist Natalia Ritzkowsky eine kleine Ewigkeit mit Zubin Mehta geschäftlich verbunden: seit 1997. Wobei geschäftlich? Irgendwann verwischten die Grenzen zwischen Beruf und Privatem. „Wir wissen ganz viel über einander“, sagt Katrin Schirrmeister. „Herr Thielemann nimmt sehr Anteil und achtet darauf, dass ich mit meinem Freund ein gutes Privatleben führe.“

Zum Käsespätzle-Essen war Thielemann schon zu Gast. „Wie eine Ehe“ sei dieses Verhältnis – was Kollegin Ritzkowsky dann doch zum Widerspruch herausfordert: „Also meine Ehe ist anders.“ Auch sie hat Nancy und Zubin Mehta schon bei sich daheim im oberbayerischen Greifenberg bewirtet. Ihre Hauptaufgabe beschreibt sie so: „Ich versuche, ihm das ganze Drumherum zu vereinfachen, sodass er die Ruhe hat, sich auf die Musik zu konzentrieren.“ Nach ein paar Jahren war klar, was sie regeln kann, ohne Mehta zu fragen. Und doch legt sie ihm noch vieles vor, auch Anfragen, bei denen es sich fast von selbst versteht, dass nichts daraus werden kann – er solle schließlich über sein Leben entscheiden.

Ihr Start als Assistentin war der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Nach Praktika in Dramaturgie, Pressebüro und Marketing der Bayerischen Staatsoper lernte Natalia Ritzkowsky als „lebender Anrufbeantworter“ im Büro des damaligen Münchner Opernintendanten Peter Jonas den Betrieb von der Pike auf kennen. Bei einem Akademiekonzert musste sie für eine kranke Kollegin als Betreuerin von Mehta einspringen. Mit klopfendem Herzen wartete sie am Flughafen, da umarmte sie der Star: „Das kriegen wir schon hin.“ Ein späteres Bewerbungsessen war nur noch Formsache: Mehta unterhielt sich mit Natalia Ritzkowskys Noch-nicht-Mann über Reisen und Gott und die Welt, da pochte sie bei der Mehlspeise aufs Bewerbungsgespräch. „Wieso?“, entgegnete der Maestro, man sei sich doch längst einig.

„Immer gut gelaunt und voller Energie“ sei Mehta, stellt seine Assistentin bewundernd fest. Selbst in den Opernpausen schalte er nicht ab, was sie erst begreifen musste: „Hast du etwa keine Fragen an mich?“, bekam sie in einer solchen Situation vom schwitzenden Dirigenten zu hören. Beide Assistentinnen führen nicht nur ein Leben an der Seite eines VIPs, sondern auch eines in der Zukunft: Bis 2019 plant Katrin Schirrmeister für Thielemann, bis 2017 Natalia Ritzkowsky für Mehta. „Wahnsinnig, ja schockierend“ findet sie es, zu wissen, was man etwa am 21. April 2016 macht.

Immerhin muss sie nicht mitreisen. Das meiste erledigt sie von ihrem Büro aus und kann viele Aufgaben des täglichen Geschäfts an die Kollegen bei Mehtas jeweiligen Orchestern abgeben. Eine ideale Situation, lässt sie doch viel Raum für den Ehemann und die Kinder. Zweieinhalb und neun sind sie, brauchen also noch viel Zuwendung. Katrin Schirrmeister hat dagegen ein Büro in Kassel, sucht gerade eine Wohnung in Thielemanns neuer künstlerischer Heimat Dresden, ist aber – bis auf wenige Gastspiele – häufig an der Seite ihres Stars. Zum „Du“ sei man nicht vorgedrungen, das lehnt sie ab, erträgt aber tapfer ihren Spitznamen: „Schirri“ wird sie von Thielemann genannt, manchmal demonstrativ vor aller Welt.

„Den gegenseitigen Du-Zeitpunkt haben wir wohl verpasst“, meint Natalia Ritzkowsky. Sie nennt ihren Chef Maestro („weil ich es wirklich so empfinde“), er duzt mit dem Vornamen zurück. Und Geburtstage sind natürlich Ehrensache. Mehta beschwert sich zwar regelmäßig, dass er nicht von ihr an den Ehrentag seiner Assistentin erinnert wird, vergisst ihn aber nie.

Anders Thielemann, der ist leicht zu beschenken. Am besten mit Krimis. „Und weil ich viel lese, habe ich immer einen kleinen Vorsprung“, sagt Katrin Schirrmeister. Ob sie ihren Chef beneidet? „Ich habe eine andere Lebensvorstellung.“ Und da ist sie sich mit Kollegin Natalia Ritzkowsky einig: „Ich freue mich für ihn, dass er mit seinem Talent so glücklich ist. Aber ich möchte so nicht leben.“

Markus Thiel

In der Samstagsausgabe lesen Sie, was die beiden Dirigenten über ihre Assistentinnen sagen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare