Meister einer barocken Abstraktion

München - Wen in den trüben Wintertagen die Melancholie überfällt, wer sich nach herzerhebender Kraft sehnt, der ist bei "Rupprecht Geiger - Retrospektive" genau richtig. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus widmet diesem großen Sohn Münchens zu seinem 100. Geburtstag am 26. Januar 2008 eine vielfarbig strahlende Ausstellung (diese Zeitung ist Medienpartner der Schau). 70 Jahre Arbeit, 70 Jahre Kunst, 70 Jahre Leidenschaft für die Farbe.

Zum Hundertsten des Münchner Malers Rupprecht Geiger:

Das Lenbachhaus blickt auf ein einzigartiges Schaffen

Lenbachhaus-Chef Helmut Friedel, zusammen mit Enkelin Julia Geiger Kurator der Schau, hat einen intensiven Kontakt zu Rupprecht Geigers Œuvre. "Die Geiger-Ausstellung 1978 war meine erste ,Tat fürs Lenbachhaus. Damals wollten wir ,Rotbild (Bild 3) kaufen - das hat der Stadtrat abgelehnt." Jetzt ist das traumhaft schöne, romantisch-elegische Gemälde mit seinen sanft ineinandergleitenden Tönen von Zartrosa über dunkles Himbeerrot bis zu Schwarzrot - und gerade dort ein kecke Kante Weiß - neben zahlreichen Leihgaben zu sehen.

Unverkrampfte Könnerschaft

Friedel hat Geiger weiterhin begleitet. Viele Kunstfreunde werden sich an die Präsentation der Großformate im Kunstbau zum 90. Geburtstag des Meisters erinnern. Was den Museumsmann "am meisten fasziniert, ist, dass Geiger die Abstraktion so stark mit Emotion aufladen kann - obwohl sie doch meist für rational angesehen wird. Aber er kann sie so sinnlich, so körperlich gestalten". Manchen sei das zu viel - "zu viel Vulkan, zu viel explosive Energie".

Diese Energie hat durchaus eine bayerische Wurzel. Es geht dabei nicht um Kraftdeppentum, sondern um den Genuss an barocker Sinnenfreude. Die ist himmelhoch jauchzend, gleichzeitig weder hehr noch abgehoben. Fleischlichkeit und im besten Sinne Gaudi gehören selbst beim Sakralen einfach dazu. Genauso funktioniert Rupprecht Geigers Abstraktion. Ernstestes Engagement für eine konsequente Ästhetik verbrüdert sich mühelos mit einer gelassenen Großherzigkeit und heiteren Vitalität.

Diese unverkrampfte Könnerschaft strahlt auch das Konzept der Ausstellung aus. Sie will nicht inszenieren. Da ein Lebens-Schaffen beleuchtet und erklärt werden soll, geht man chronologisch vor. Richtige Paukenschläge zum Empfang der Besucher versagt sich das Museum dennoch nicht. Die prächtige Raum-Bild-Installation "Neues Rot für Gorbatschow" (1989) - sonst in einem anderen Saal - beherrscht das Foyer. Riesige Tafeln, Pink und Feuerrot, locken die Treppe hinauf.

Aber im ersten Parterre-Saal erwartet einen zunächst eine ideale Einstimmung auf die Arbeitsweise Geigers. Dort kann jeder ein wenig Atelierluft schnuppern. Auf Tellern, in Schälchen und Blechdeckeln, findet man verklumpt, zerbröselt, fein verkrustet, als Papier, Fingerabdruck oder Pinseltupfer Rot, Rot, Rot: ein Blick in des Malers Arbeitstisch. Farbe ist das, was unser Auge/Gehirn aufnimmt und in das gewohnte kulturelle Bedeutungs-System einfügt. Farbe ist gleichzeitig an Materie gebunden. Beides macht uns die Präsentation bewusst. Hier das Handwerkszeug, das sich in Spiel-Zeug verwandelt: Das Reißbrett seiner Frau Monika, wie Geiger Architektin, ist plötzlich Bildträger. Papierschnipsel fügen sich zu einer Mischung aus Collage, Gemälde, Zeichnung und Mosaik. Man erkennt: Da baut einer seine Bilder. Schwemmholz, Baumrinde, Watte, Plastikverschluss, alles verleiben sich diese noch nie gezeigten Collagen ein - spielerisch vergnügt, jedoch stets hellwach auf der Suche nach dem Zielpunkt: dem Bild. Zwischen diesen Capriccios, gestochen präzise mit Zirkel und Lineal konstruiert, ein sich bäumender Dreiviertelkreis, die Welle im Angriff - Geigers geometrische Zähmung des Tsunami. Daneben hängt, imposant formuliert, eine riesige Kipp-Form. An der äußersten Abbruchkante einer karmesinroten Schräge balanciert eine Pink-Kugel (2005). Fällt sie? Wird sie hoch gekickt?

Man kommt in eine Art Farb-Rausch

 Derart vorbereitet, erwartet der Besucher mit Spannung den Rundgang, der im Erdgeschoss bei der Grafik beginnt. Dazwischen Gemälde und Objekte, die signalisieren, dass alle Werk-Ebenen miteinander verzahnt sind. Oft lässt sich auf den ersten Blick gar nicht entscheiden, was Druck, was gemalt ist. Denn gerade die Seriegrafie - Farbe wird durch ein Netz/Sieb gestrichen und kommt so aufs Papier - ist ideal für Geigers Stil. Die Farbbrillanz ist phänomenal, zumal manche Drucker direkt mit seinen Pigmenten arbeiteten. Wie bei den Gemälden erforscht der Künstler Farbe und Raum. Durch Farbverläufe und -zusammenstöße, durch unmerkliches Heller- oder Dunklerwerden, durch Einfügungen, zartes Verdämmern oder scharfe Schnitte wandern Teile des Bildes in die dritte Dimension. Oder der Betrachter selbst dringt in die Flächen ein, die wie gestaffelte Baukörper erscheinen. Geigers unendlich variierbaren Farb-Dialoge sind obendrein einfach schön anzuschauen. Man kommt in eine Art Rausch, löst sich aus der eigenen Eingegrenztheit heraus. Da gibt es überraschte Ahhh-, genüssliche Mmmm- und aufgeschreckte Uiii-Affekte.

Einen Rupprecht Geiger, der wahrlich Tafelmalerei betrieb, möchte Helmut Friedel in den Kabinetten im Obergeschoss präsentieren: dort, wo sonst die Münchner Schule und Romantiker gezeigt wurden (wegen des anstehenden Umbaus sind sie ausgelagert). Kurz nach Kriegsende Geigers Revolution, die damals keiner so recht bemerkte. Das war nicht die von den Nazis verpönte Ungegenständlichkeit, die ja logisch an die Vorkriegs-Moderne anschloss. Das war vielmehr der Ausbruch aus dem rechteckigen Bildformat. Ausgerechnet der Architekt wagte den Schritt weg vom 90-Grad-Winkel zu einem freien Bildkörper. Erst in den 60er-Jahren folgten die US-amerikanischen Kollegen mit ihren "Shaped Canvases". Allerdings gingen sie und nicht Geiger damit in die diversen Kunstgeschichtsschreibungen ein.

Solche Triumphe sind Geiger nicht so wichtig. Er zieht seine Kraft aus stetiger Arbeit, die, obwohl abstrakt, immer auf die Gegenwart reagiert. Aus dem Nachkriegsdunkel lichten sich die Bilder mutig in die Zukunft. Sie reagieren auf Psychedelisches der Flower-Power-Zeit und Futuristisches der ersten Raumfahrt-Euphorie oder den Fall des Eisernen Vorhangs. Dennoch bleiben sie frei, nur ihrer eigenen Sprache verpflichtet. Und die ist von den Größen geprägt, mit denen Rupprecht Geiger einige seiner jüngsten Werke benennt: "Geist und Materie"

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