Der Meister und sein Schülermalkasten

München - „Renoir in Weßling“ heißt lakonisch die Ausstellung in dem Örtchen bei Oberpfaffenhofen. So mancher mag es nicht glauben wollen, aber der große Maler Auguste Renoir verbrachte tatsächlich vor 100 Jahren einen Sommermonat dort.

Fieberhaft wartet Heinrich Brüne in jenem Sommer 1910 auf den großen Moment: Seit einem Monat schon hat sich Auguste Renoir (1841-1919) angesagt. Die Sommerfrische, den Besuch der Münchner Pinakotheken und einen Porträtauftrag will der berühmte Franzose am Weßlinger See (Landkreis Starnberg) verknüpfen. Als die Kalesche beim Postwirt ankommt und „mit großem Lamento“ ein Dutzend Menschen aussteigt, wird dem Maler Brüne (1869-1945) schnell klar: Der große Renoir ist ein gebrechlicher alter Herr, gequält von Gicht und Rheuma.

Dennoch wird er Generationen von Künstlern weiterhin prägen. Bis heute ist die liebliche Art, der weiche Pinselstrich, das üppige Kolorit nicht jedermanns Sache. Die Erinnerungen Heinrich Brünes jedoch dürften wohl jeden bewegen. Jetzt sind sie Thema einer Ausstellung in genau jenem Haus, in dem einst Renoir logierte: dem ehemaligen Lehrerhaus, die jetzige Galerie Risse.

Körperlich völlig gebrochen, an den Rollstuhl gebunden, umgeben von Frau, drei Kindern, Ziehtochter und Modell, mitten in einem Jahrmarkt-ähnlichen Ambiente samt Drehorgel-Gedudel - so arbeitet Auguste Renoir in Weßling. „Abgemagert bis auf die Knochen, hing ihm der schwere Rock auf den höckrigen Schultern; die Sportmütze weit über die Ohren gezogen, den Hals mit einem dicken Schal umwickelt, bot er ein Bild der Hilflosigkeit und des Jammers. Selbst Pinsel und Palette, alles wird ihm in die gichtgekrümmten Finger gezwängt“, schreibt Brüne 1933 in seinem Rückblick. Um dann erstaunt anzumerken: „Mit der Arbeit verändert sich das alles, sofort tritt eine ungeahnte Lebendigkeit in diese abgewandten Züge - freundlicher Glanz und ein helles Licht leuchten aus erwachten Augen und trinken förmlich die lieben Dinge, die ihn jetzt fesseln und denen sein Geist neue und ewige Gestalt verleihen.“

Einen Monat lang stellt Brüne, der in der Nähe in Oberpfaffenhofen wohnt, sein Atelier zur Verfügung, beobachtet und skizziert Renoir und hält Dinge fest, die auch heute noch aufschlussreich sind. „Hatte ich geglaubt, dass Renoir einen eigenen Farbenreiber beschäftigt, besonders präparierte Leinwand benützt, überhaupt ein besonders ausgesuchtes Material verwendet - was bekam ich da zu sehen! Einen kleinen Schülermalkasten mit einem Dutzend kleiner Tübchen, etliche schon recht vermalte, dünne, spitze Borstpinselchen und ein kleines Fläschchen mit gebleichtem Leinöl - das war der ganze Apparat!“

Daraus zauberte Renoir ein Spätwerk, das an Üppigkeit und Süßlichkeit seinesgleichen sucht: Die Frau des Münchner Privatgelehrten Friedrich Thurneyssen sitzt in hell wallendem Gewand, eine Brust fast entblößt, vor einer Blütenwand, ihre Tochter mit blondgelocktem Haar auf ihrem Schoß. Später sollte Renoir in Paris noch den Sohn Alexander Thurneyssen in einem Schäferidyll festhalten. Kein Wunder, dass sich viele Münchner Maler, in Weßling unter anderem einer modernen Freilichtmalerei und bald den neuen Ideen des Blauen Reiters frönend, unflätig und entsetzt über diese lasierend aufgetragenen Romanzen äußerten.

Kollege Heinrich Brüne aber war beeindruckt von dem Menschen Renoir, der nachhaltig seine Malweise beeinflusste. In manchen von Brünes Bildern ist die französische Weichheit zu spüren. In den Skizzen, die er vom greisen Auguste Renoir anfertigt, ist die Faszination für das Alter und die Willenskraft nachzuvollziehen. Brüne selbst experimentiert später auch in moderne Richtungen, war bei der Münchner Secession, fand aber trotz mancher persönlichen Bekanntschaft nicht den Anschluss an den Blauen Reiter. Ein Teil seiner Werke wird im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Nicht aber das Stück bewegende Kunstgeschichte, das er in Weßling festhält.

All das hat jetzt Erich Rüba, Sammler, Heimatforscher und Betreiber des Brüne-Archivs, zusammengetragen. Ein Jahr Forschungsarbeit war nötig, um die Nachfahren der Familie Thurneyssen ausfindig zu machen und den Kontakt zu Renoirs Urenkel zu knüpfen. Der Filmemacher Jacques Renoir stellte unter anderem manch spannendes Foto zur Verfügung. Rüba hat das lokale und das Münchner kreative Netzwerk erkundet und nicht nur eine wunderbare Episode rund um Renoir in Erinnerung gerufen: Er holt mit der Ausstellung hundert Jahre später die große weite Kunstwelt zurück an den Weßlinger See.

6. bis 29. August, Kunstgalerie Risse in Weßling, Hauptstraße 57, Dienstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr, Telefon: 08 153/ 32 73; Katalog: 15 Euro.

Freia Oliv

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