Die Meister des Selbstzitats

- Melancholisch erklingt ein Tango, "Volver" ("Rückkehr") - Musik gewordene Sehnsucht nach der verlorenen Zeit. Es ist Zufall, aber doch bezeichnend, dass dieses Lied schon zweimal zu hören war in Cannes. Wenn auch in verschiedenen Arrangements war es sowohl in "Les Lumi´¨res du Faubourg" von Aki Kaurismäki als auch titelgebend in Pedro Almodóvars "Volver" zu hören. Und tatsächlich erscheinen die Beiträge in der ersten Hälfte des diesjährigen Wettbewerbs von Cannes, die fast völlig von den leicht ergrauten Helden des europäischen Autorenfilms dominiert war, voller Nostalgie und Wiederholungszwang im Blick aufs eigene Werk.

Am besten gelingt so etwas Almodóvar, der immer ein Meister des Selbstzitats war. Längst steht sein Kosmos aus starken Müttern und schwachen Männern, bunten Räumen und noch bunteren Kostümen fest am Kino-Firmament, und der Regisseur bedient sich daraus nach Gutdünken: "Volver" könnte auch "Alles über meine Mutter" heißen. Eine schöne Kamerafahrt über einen Friedhof: Drei Frauen, zwei Töchter und eine Enkelin putzen die Gräber der Eltern, ein scharfer Wind bläst übers Land und wird auch die Illusionen hinwegwehen, die sich diese Töchter so gern bewahren würden. Drei Menschen werden sterben in dieser Ode auf das Matriarchat, eine Mutter wird wiederauferstehen, was gar nichts macht, da der Regisseur sowieso überzeugt ist, dass Mütter nicht totzukriegen sind. Ein kurzweiliger, intelligenter Film, mit dem Almodóvar mal wieder einer der Preisfavoriten ist, der aber doch eher TV-Ästhetik als Kino bietet.

Noch deutlicher bot Aki Kaurismäki eine Wiederholung seiner selbst. Sentimental wie Chaplin, aber ohne dessen Situationskomik erzählt er von einem Tramp in Helsinki. Die Unschuld der Liebe geht hier mit der Unschuld "der kleinen Leute" einher. Man könnte das Kitsch nennen, wäre nicht bei Kaurismäki alles doppelbödig. "Les Lumiè`res du Faubourg" ist auch ein bitterböser Film. Stilistisch hat sich der Regisseur allerdings seit 15 Jahren nicht entwickelt. So verzückte er seine Gemeinde, der Rest des Publikum zuckte die Achseln. Immerhin streiten konnte man sich über Ken Loachs "The Wind that shakes the barley" der vom irischen Unabhängigkeitskampf handelt. Einmal mehr zeigt sich Loach als nachsichtiger Moralist.

Die Zukunft des Kinos liegt schon aus Altersgründen anderswo. Ihr kann man in der "Quinzaine" begegnen, jener Nebenreihe, die einst auch Almodóvar und Kaurismäki entdeckte. Zuletzt hing das Programm zwischen den Stühlen, diesmal ist es extrem stark. "The Host" von dem Koreaner Bong Joon-ho erzählt von einer bösartigen Kreatur, die Seoul tyrannisiert und Menschen frisst. Dynamisch und konsequent inszeniert, ist "The Host" eine boshafte, hochironische Satire über die koreanische Gesellschaft, eine zeitgenössische Comédie Humaine.

In der Quinzaine läuft auch Stefan Krohmers "Sommer '04 an der Schlei", einer von zwei deutschen Beiträgen. Getragen von einer großartigen Martina Gedeck, die sich mit ihrem ersten Film in Cannes endlich anschickt, zum internationalen Star zu werden, wandelt der Film auf den Spuren Rohmers: Eine Sommergeschichte mit Tiefgang über eine Lolita, die in aller Unschuld, durch schiere Präsenz eine Patchwork-Familie durcheinander bringt. Ähnlich der deutsche Film "Ping Pong" von Matthias Luthardt, der es in die strenge Auswahl der "Semaine de la Critique" geschafft hat. Neben gleichfalls tollen Darstellern liegen die Stärken dieses Films im Drehbuch (Theaterautorin Meike Hauck): Auch er erzählt eher eine Konstellation als ein forciertes Drama.

Das deutsche Kino gibt sich wohltuend unangestrengt und beiläufig - Tugenden, zu denen man in den nächsten Tagen mit Sicherheit auch im Wettbewerb wieder zurückkehren wird.

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