Der Meister übt sich in Bescheidenheit

München - Ovationen für Woody Allen und seine New Orleans Jazz Band in der Münchner Philharmonie. Eine Kritik:

Andere gehen golfen. Oder sie schippern mit der Yacht durch die Karibik. Woody Allen hat eine andere Form des Müßiggangs gefunden. Wenn er nicht gerade seinen jährlichen Kinofilm dreht, musiziert der inzwischen 74-Jährige. Gerne auch vor Publikum – wie am Samstagabend in der Münchner Philharmonie. So sehr man Allen seiner Filme wegen mit New York verbindet, seine musikalische Liebe gehört New Orleans. Dort im Süden der USA, einst Zentrum des Sklavenhandels, wurde der Jazz geboren. Allen liebt diesen frühen Stil der 1920er-Jahre, der sehr rhythmisch daherkommt, sodass die Individualisten noch nicht jene zentrale Rolle spielen wie in späteren Phasen des Jazz. Die Band steht im Vordergrund, Musik funktioniert als Teamarbeit. Und Allen, das große Zugpferd der Truppe, nimmt sich – klugerweise – zurück.

Mit seinem grauen Hemd und den legendär schlecht geschnittenen Cordhosen sitzt er zwar in der Mitte, musikalisch aber reiht er sich ein: in eine Riege hervorragender Musiker, aus der der gut gelaunte Eddy Davis am Banjo und Conal Fowkes am Klavier herausstechen. Zwischen ihnen sitzt der Meister des Films, und seine Beine wippen übereinandergeschlagen im Takt der ausgezeichneten Rhythmus-Gruppe. Darüber spielen Posaune, Trompete und Klarinette die Melodie. Es klingt wie ein dauernder Dialog der drei Blasinstrumente – wobei Allens Klarinette fast genauso geschwätzig ist wie die Stadtneurotiker in seinen Filmen.

Normalerweise spielt die Band nur montags. Im Nobel-Hotel Carlyle an der Upper East Side bezahlen Touristen stolze Summen, um Woody bei seinem Hobby zuzuhören. Und dort, in der engen Bar funktioniert der schweißtreibende Rhythmus noch ein bisschen besser. Man versteht, dass diese Musik mitten aus dem Leben kommt. Sie wurde für Beerdigungen und Gottesdienste geschrieben. Aber auch für Freudenhäuser und Nachtclubs. In New Orleans war Jazz noch zum Tanzen da – und diente nicht als Hintergrundmusik für den Sonntagsbrunch. In der weiten Philharmonie dauert es ein wenig länger, bis der Funke überspringt. Und gerade als man denkt, nach der Pause könne es ein richtig vergnüglicher Abend werden, geht Allen ans Mikro und wünscht einen guten Heimweg. Der frenetische Applaus mit Standing Ovations nötigt den sieben Herren dann noch vier ausdauernde Zugaben ab. Bei der letzten setzen sich die Besucher gar nicht mehr hin.

Mike Schier

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