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Aufräumarbeiten 1940 in London nach einem deutschen Luftangriff: König Georg VI. und seine Gemahlin Elisabeth besuchen die Helfer. In Michael Ondaatjes neuem Roman ist der „Blitz“ ein wichtiger Bezugspunkt.

Michael Ondaatjes („Der englische Patient“) neuer Roman

Meisterhaftes „Kriegslicht“

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Michael Ondaatjes neuer Roman „Kriegslicht“ ist eine spannend erzählte familiäre Spurensuche. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Es gibt Romane, die faszinieren wie Landkarten. Dieses Gefühl stellt sich natürlich weder bei Google Maps noch bei einer Navigations-App ein, sondern tatsächlich nur bei einer Karte aus Papier. Ist diese aufgefaltet, fällt der Blick meist auf irgendeinen Punkt; selten ist’s der gesuchte – doch schon wandert das Auge über Wege, Wälder, Worte. Und willig schreitet die Fantasie des Betrachters mit. Michael Ondaatje ist mit „Kriegslicht“ nun ein Buch geglückt, das dieses Moment einfängt und virtuos vollendet.

Gewiss, der Autor, der 1943 in Sri Lanka geboren wurde und seit vielen Jahren Kanadier ist, wählte die Landkarte auch als Bezugspunkt seines achten Romans. „Die meisten großen Schlachten werden in den Falten von Landkarten ausgetragen“ stellt er als Motto voran – und schaut voller Empathie in die Nischen und Winkel des Lebens seiner Figuren. Ondaatje beherrscht das Spiel mit seinem Topos unaufdringlich, es wird ganz selbstverständlich mit Karten hantiert, die auch mal Wände zieren oder hastig auf Packpapier skizziert werden.

Michael Ondaatje

Doch ist die gesamte Dramaturgie von „Kriegslicht“ – und das macht die Meisterschaft dieses Schriftstellers aus – auf diesem Motiv aufgebaut. „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ Bereits dieser erste Satz funktioniert wie der geschilderte zufällige Blick auf eine Landkarte und führt uns tief hinein in eine spannende Geschichte.

Diese wird erzählt von Nathaniel, der 14 ist, als die Eltern ihn und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel in London zurücklassen; einer Stadt, die gerade dabei ist, den überstandenen Krieg abzuschütteln. Die Geschwister wachsen in der Obhut zweier Typen auf, die sie den „Falter“ und den „Boxer“ nennen – und deren Lebenswandel nicht koscher ist. Vielleicht. Da ist es wieder, das Fehlen von Gewissheiten, das sich durch so viele Bücher Ondaatjes zieht. Haben ihre Ziehväter Kontakte zur Unterwelt? Oder, auch so eine offene Frage, wenngleich sehr viel simpler: Wer hat die Kinder darüber unterrichtet, dass die Eltern gehen müssen – war’s die Mutter? Oder doch der Vater? Warum mussten die beiden weg? Sind sie tatsächlich abgereist?

„Der englische Patient“ machte Ondaatje weltberühmt

In dieser elegant komponierten Exposition spannt Ondaatje ein so feinmaschiges Netz an Fragen und Fährten auf, dass dem Leser ein Entrinnen kaum möglich ist. Natürlich erinnert das erzählerische Spiel mit (biografischen) Unsicherheiten an „Der englische Patient“, an das Buch also, mit dem Ondaatje 1992 weltberühmt wurde. Wir finden dieses Thema aber in allen seinen Romanen, besonders meisterlich umgesetzt in „Die gesammelten Werke von Billy the Kid“ (1970), „Buddy Boldens Blues“ (1975) und „Anils Geist“ (2000). Alle drei stehen bis heute zu Unrecht im Schatten jenes Bestsellers, der von Anthony Minghella mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche verfilmt wurde. „Kriegslicht“ wird daraus hoffentlich hervortreten.

Ondaatje hat niederländische, tamilische und singhalesische Wurzeln; er weiß also, wie schwer es ist, Gewissheiten über die eigene Biografie zu erlangen. Herrlich unterhaltsam erzählt er davon übrigens in „Es liegt in der Familie“, 1982. Im ersten Teil seines neuen Romans entwickelt er sehr plastisch und nachvollziehbar seine Charaktere und etabliert zugleich einen Schauplatz, der unter den Nachwehen des „Blitz“ steht: Das ganze Leben habe „in der Zeit nach dem Krieg noch immer etwas Zufälliges und Verwirrendes“, konstatiert Nathaniel.

London steht unter den Nachwehen des „Blitz“

Man beobachtet den Burschen gerne beim Erwachsenwerden, beim Entdecken der Liebe, bei seinen Handlangerdiensten für den Boxer, der – so viel sei verraten – eine lukrative Lücke entdeckt hat, um beim Import von Tieren für Hunderennen ein bisschen Kohle zu machen. Die Vierbeiner, die Nathaniel und er an den Start bringen, sind nicht die, die ihr Stammbaum behauptet: „Im Nachhinein gesehen, waren wir in unserer Anonymität gar nicht so verschieden von den Hunden mit ihren gefälschten Papieren.“ Nathaniels Schwester wird das zwar anders sehen; einig sind sich die Geschwister indes bei ihrem Ziehvater, dem Boxer: „Er war unverbesserlich, und genau darin lag sein Charme. Und das bedeutete für uns Sicherheit.“

Für Nathaniel wird die Sehnsucht nach Belegbarem zur Lebensaufgabe. Viele Jahre später wird er entdecken, welche Rolle seine Mutter zwischen 1939 und 1945 wirklich gespielt hat, wie wichtig ihr Wirken während des Krieges war. Und, ja, auch wie wichtig es für die Sicherheit ihrer Kinder war, Nathaniel und Rachel eben in (scheinbarer) Unsicherheit zurückzulassen.

„Wir lebten in Zeiten, da weit voneinander entfernt scheinende Ereignisse benachbart waren“, heißt es an einer Stelle dieses bemerkenswerten, elegant und packend ins Deutsche übertragenen Buches. Für uns Leser ist es ein Genuss, Michael Ondaatje zu folgen, der genau so arbeitet wie jener Freskenmaler, den er einmal für die „verborgenen Strukturen“ in seinem Werk lobt. Dort werde „ein kleines Detail wie zum Beispiel ein Laib Brot zum Fix- und Angelpunkt einer großen Menschenmenge“. Am Ende erlaubt der Autor seiner Hauptfigur endlich den Blick aufs große Ganze: Er schenkt Nathaniel die Übersicht. Mehr noch: Er mutet sie ihm zu.

Informationen zum Buch:

Michael Ondaatje: „Kriegslicht“. Aus dem Englischen von Anna Leube. Hanser Verlag, München, 320 Seiten; 24 Euro.

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