Meisterwerk eines weisen Häuptlings

- Es ist dieses schrecklich komische Bild, das einem in den Sinn kommt: Charlie Chaplin repariert unter halsbrecherischen Verrenkungen eine riesige Maschine, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er unter die Zahnräder kommt. "Modern Times" heißt der 70 Jahre alte Film. "Modern Times" heißt auch das neue Album von Bob Dylan, das erste seit fünf Jahren.

Ein Zufall ist das kaum, könnte man die Kernaussage der Platte doch folgendermaßen ins Unreine sprechen: Wir leben, wie damals, in Zeiten der Depression, die Ohnmacht gegen die Maschine wird immer größer. Was aber nicht heißt, dass wir uns nicht amüsieren könnten.

Die Leichtigkeit, mit der Dylan ein gelungenes Alterswerk nach dem anderen veröffentlicht, verwundert mittlerweile keinen mehr. Heute schwebt er als weiser Häuptling, größter Dichter und coolste Fritte der Popmusik über den Dingen. Da will man kaum mehr wahrhaben, wie anders die Dinge noch vor zehn Jahren standen. Selbst glühende Fans hätten 1996 nichts richtig Großes mehr von Dylan erwartet.

Über Jahre hatte er keine eigenen Songs veröffentlicht, er befand sich auf dem Abstellgleis für abgehalfterte Helden - so der Stand der Dinge vor dem Comeback-Album "Time Out Of Mind", einem lebensmüden, melodischen Meisterwerk. Es folgten eine Arbeit auf gleichem Niveau ("Love & Theft"), ein Soundtrack-Oscar, und heute wartet alle Welt gespannt auf diese 44. Dylan-LP - man ahnte es: ein Meisterwerk.

Im zweiten Frühling

Die Chaplin-Analogie muss man nicht überstrapazieren, auch wenn sich Dylan früher ebenso gerne als umherstreunender "Tramp" inszeniert hat. Fest steht: Wie beim Vorgänger "Love & Theft" swingt die Musik, als wäre sie vor 70 Jahren eingespielt worden.

"Modern Times" beginnt mit einem Blues-Tusch, bevor "Thunder On The Mountain" draufloshüpft wie ein übermütiges Kind. Das ist typisch für dieses Album, das mit bedrohlichen Titeln aufwartet und überaus düster und gallig sein kann.

Ein paar Sekunden nach der Apokalypse aber bringt Dylan uns wieder zum Schmunzeln. Schon in der ersten Minute: Donner grollt da auf dem Berg, Feuer züngelt auf dem Mond, der Schalk aber greift zur Posaune, um hineinzustoßen, und ach: Ein paar Zeilen weiter klagt er, dass er heulen könnte, wenn er an das US-Soul-Sternchen Alicia Keys denkt. Er kann sie nicht finden, weder in New York, noch in Tennessee. Wer um die emotionale Fallhöhe von Dylans zu Keys' Musik weiß, liebt den Dichter für diese Petitesse.

Ferner fragen wir uns: Ist Dylan im zweiten Frühling? Erotische Stellen zuhauf - etwa dieses heitere Geschlechtsteil-Raten: "I got the porkchops, she got the pie / She ain't no angel and neither am I".

Doch gleich im nächsten Atemzug schimpft er: "Shame on your greed, shame on your wicked schemes / I'll say this, I don't give a damn about your dreams". Diese Attacke auf Gier und Unehrlichkeit darf man ruhig politisch nehmen, wie vieles auf "Modern Times". Schon zum Erscheinen des Vorgängers "Love & Theft" - auf den Tag genau am 11. September 2001 - hatte er gesagt: "Wir leben in einer machiavellistischen Welt. Jedes noch so unmoralische Handeln wird akzeptiert - solange es mit öffentlichem Erfolg praktiziert wird."

All das wohlgemerkt spielt sich im ersten Song ab. Es gibt noch einige mehr, die hier auf Ohrenhöhe mit den großen Dylan-Songs stehen. Etwa die wunderbare Ballade "Workingman's Blues No. 2", das Liebeslied "Spirit On The Water", die stoische finale Klage "Ain't Talkin'".

Wir finden den ganzen Dylan auf dieser Platte, in den assoziativen, oft absurden Texten, besonders aber in der Musik, die natürlich im Blues wurzelt, aber eben auch im klassischen amerikanischen Songwriting à` la Cole Porter und Hoagy Carmichael. Und: Dylan bemüht sich, schön zu singen - was ihm gelingt. Produziert hat er wie schon auf "Love & Theft" unter dem Pseudonym Jack Frost - ein Holzweg, so warm wie diese Musik klingt. Dylan selbst spielt übrigens Gitarre, was manche überraschen wird, die munkelten, Rheuma zwinge den Senior an die Orgel. Rheumatisch klingt hier freilich überhaupt nichts. "Modern Times" zeigt uns vielmehr, dass der späte Bob Dylan noch überaus entspannt ist.

Bob Dylan: "Modern Times" (auch als Deluxe-Edition mit Extra-DVD) bei Sony/ BMG.

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