Melancholie der Plastikblume

- Ihre Kunst ist eine Kunst der Schäbigkeit. Einer Schäbigkeit unseres Alltags, die sich ihrer Armut schämt, die blenden, übertölpeln will durch Gefälligkeit und Oberflächen-Attraktivität. Isa Genzken, die den Internationalen Kunstpreis der Kulturstiftung Stadtsparkasse München 2004 (50 000 Euro) erhalten hat, verwendet Billigmaterial und Abfall. Bei ihr wird Gips nicht zum Marmorersatz, sondern genauso zu Bauschutt wie das armierte Glas, das sie verwendet, die Scheibenreste oder all die netten Deko-Folien zur Verzierung von Innenräumen aus dem Baumarkt.

<P>Ihre Objekte irritieren. Wir kennen aus der Kunstgeschichte den Einsatz von Resten, die man fein "Objets trouvé´s" tituliert. Genzkens Arbeiten umweht aber eben nicht die Aura einer Innovation aus der Geburtszeit der Moderne. Was uns stattdessen anweht, ist der Mief billiger Ausstattung, der Angstgestank, weil es einem unmöglich gemacht werden könnte, ein kuscheliges Zufluchts-Nest auszupolstern. Der Müll aus den 20er-Jahren eines Schwitters ist uns Nostalgie, unser eigener ästhetischer Müll beweist uns hingegen unsere Verwundbarkeit. Wie sichern wir unser Wohlbefinden? Diesem widmet Isa Genzken, die in Berlin lebt, zurzeit ihre Serie "empire vampire". Einen Teil davon hat sie nun auf den Münchner Museumsplatz zwischen Lenbachhaus und Kunstbau transferiert. Und um die liebliche Verschönerung dieses urbanen Raums vor den Propyläen noch mit einem i-Tüpferl zu versehen, hat sie eine der historisierenden Straßenlampen mit einer großen orangefarbenen Blüte verziert: eine groteske Überspitzung der gut gemeinten Stadt-Möblierung.<BR><BR>Daneben sind zwei schlanke, hohe Vitrinen angebracht. Darin ebenfalls hohe elegante Sockel. Gar nicht edel und elegant ist das "eigentliche" Werk. Ein großer Glaskelch ist hinterfangen von einer schlampig verklebten, farb-vertropften Spiegelfolie. Im und am Kelch rinnt es wie von Schoko- und Vanillesauce. Krusch und Kram vom sexy Busenwunder aus Plastik im Miniformat bis zum bunten Maschinenmonster aus dem Kinderzimmer. Im anderen Schaukasten erfährt das Anti-Stillleben seinen Höhepunkt mit Kunststoffblumen in einer intakten Vase und einem abgebrochenen Vasen-Stumpf, auf dem ein Plastikfisch zappelt. Diese Objekte, von weitem ästhetisch akzeptabel, von nahem als Wegwerf-Kitsch abgelehnt, changieren in ihrer Stimmung zwischen harmloser Verspieltheit und der Resopalplatten-Melancholie einer Autobahnraststätte der 70er-Jahre. Dazu passt, dass diese Kunst billig ist - kostenlos im Außenraum zu besichtigen.<BR><BR>Das Lenbachhaus selbst zeigt darüber hinaus in einem Saal, der zum Platz hinausgeht, einen informativen Querschnitt von Genzkens Luvre, das insgesamt nicht so kindergarten-flippig ist.<BR><BR>Genzken, 1948 in Bad Oldesloe geboren, international bei allen wichtigen Ausstellungen vertreten, habe mit ihrer Strategie viele Künstler der jüngeren Generation beeinflusst, erklärt Kuratorin Susanne Gaensheimer vom Lenbachhaus. Das Museum sammelt seit über 20 Jahren Werke der Künstlerin. Ihr Rang und ihre Auszeichnung sind für Harald Strötgen vom Vorstand der Stadtsparkasse also ein guter Grund, sich über "das kulturelle Ereignis internationalen Ranges" zu freuen. Die Stiftung finanziert Preis und Ausstellung.</P><P>Bis Oktober.<BR></P><P><BR> </P>

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