Melancholie am Schnellimbiss

- München - Genau ein Jahr ist es her, dass James Blunt zum letzten Mal in München war. In einem kleinen Lokal spielte der englische Singer-Songwriter vor 16 Menschen. Zum Auftakt seiner Deutschlandtournee am Donnerstag in München kamen 5000. Wegen der großen Nachfrage musste das Konzert in eine größere Halle verlegt werden. "Diesen Erfolg habe ich nicht erwartet", sagt der 28-Jährige, "aber ich hatte immer die Hoffnung, dass einige Menschen mit meiner Musik etwas anfangen können würden. Zumindest so viele, dass meine Plattenfirma mir erlaubt, noch mehr Platten zu produzieren."

Das Publikum in der ausverkauften Zenith-Halle ist überwiegend jung und weiblich. Die ersten warteten schon Stunden vor Konzertbeginn am Eingang. Während des Auftritts klatschen und jubeln sie begeistert und singen jede einzelne Liedzeile laut mit. Vorne auf der großen Bühne wirkt der Sänger ganz klein. Er ist schmächtig, trägt schlabbrige, ein wenig zu große Kleidung. Die Haare sind zerzaust.

Für den Applaus bedankt er sich artig, auf Deutsch mit starkem englischem Akzent: "Vielen Dank Munich." Ein paar Wörter kann er noch von früher. Als er neun Jahre alt war, sind seine Eltern mit ihm nach Deutschland gezogen. Der Vater, Soldat in der britischen Armee, wurde ins nordrhein-westfälische Soest versetzt. "Ich habe wunderbare Erinnerungen an Deutschland. Wir haben in einem Haus direkt an einem See gewohnt, da konnte man im Sommer segeln und angeln und im Winter Eishockey spielen." Auch an die Menschen kann sich Blunt noch erinnern. "Besonders an die Hauseigentümerin." Die habe ihm immer Schokolade gegeben. Das Beste an Deutschland ist für den Sänger aber etwas anderes. "Schnellimbisse, wo es Bratwurst und Fritten gibt, herrlich."

Inzwischen kann James Blunt nicht mehr unerkannt in einem deutschen Schnellimbiss eine Bratwurst essen. Schuld daran ist insbesondere ein Lied: "You/re Beautiful". Die Ballade schaffte es in elf europäischen Ländern auf Platz eins der Musikcharts und erreichte auch in Deutschland Goldstatus. Das dazugehörige Album "Back To Bedlam" verkaufte sich allein in England vier Millionen Mal.

Der Stil von James Blunt ist eine Mischung aus Jazz und akustischem Rock, immer mit einem Schuss Melancholie. Die Texte hat er allesamt selbst geschrieben. Auch sie sind häufig traurig oder melancholisch, handeln von zerbrochenen Beziehungen oder von verpassten Chancen. "Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch", sagt Blunt. "Aber eben auch nachdenklich." Trotzdem bleibt er Optimist. "Auch wenn die Lieder manchmal melancholisch sind, ein kleines bisschen Hoffnung steckt immer darin."

Von den Eltern geerbt hat James Blunt sein Talent wohl nicht. "Meine Eltern besaßen noch nicht einmal eine Stereoanlage, für sie war Musik einfach nicht wichtig." Trotzdem zwang ihn die Mutter mit vier Jahren zum Geigen- und Klavierunterricht. "Ich hatte überhaupt keine Lust darauf und fand das damals total langweilig." Nach der Schule begann Blunt ein Studium und trat dann auf Wunsch seines Vaters in die Armee ein. Unter anderem war er im Kosovo stationiert, wo auch einige seiner Lieder entstanden sind.

Die Medien griffen die Geschichte vom singenden Soldaten Blunt, der seine Gitarre außen an den Panzer schnallt und in ruhigen Minuten Lieder schreibt, schnell und gerne auf. Ein Image war geboren. "Ich war eben ein Soldat, das ist ein Teil von mir. Ich bin froh, dass ich kein Banker war und so ein Image jetzt habe."

Insgesamt neun Monate dauert die Tournee, sie führt ihn durch ganz Europa und Amerika. Heimweh nach England hat James Blunt trotzdem nicht. "Ich war irgendwie immer weg von zu Hause, ob im Internat oder als Soldat. Eigentlich bin ich von zu Hause ausgezogen, als ich sieben war." Da ist sie wieder, die Melancholie in seiner Stimme.

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