Der Mensch in der Hand der Götter

München - Zwischen ein und drei Meter groß sind die Figuren, mit denen Georg Jenisch am Freitag im Münchner Künstlerhaus Strawinskys "Oedipus Rex" aufführt.

"Sein Gesicht sollte aus Blattgold sein, er sollte zwei Meter groß sein und eine äußerst dünne Taille haben \xC2

" Kein Mensch könnte Regisseur Georg Jenischs Anforderungen an einen "Oedipus Rex" gerecht werden. "Das ist der große Vorteil der Puppe", lacht er, "dass sie abstrakt sein kann. Es würde mich nie interessieren, Menschen nachzuahmen - dann brauche ich kein Puppentheater."

Ein Glücksfall, dass die Stiftung des Münchner Künstlerhauses den Berliner Figurentheaterkünstler und Komponisten, der schon 2005 zur "Langen Nacht der Musik" mit seinem "Figuren-Zirkel" die Münchner begeisterte, zum 850. Stadtjubiläum gewinnen konnte. Mit der Inszenierung des Opern-Oratoriums "Oedipus Rex" von Igor Strawinsky und Jean Cocteau, die an diesem Freitag im Künstlerhaus Premiere feiert.

Allein schon optisch erfüllen seine prachtvollen, in sechsmonatiger Arbeit erschaffenen Figuren ihren Auftrag aufs Majestätischste. Doch warum hat sich Georg Jenisch bei der Wahl des antiken Mythos gerade für das grausame Schicksal des Oedipus entschieden, der sich die Augen ausstach und ins Exil ging, als er erkannte, dass er seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hatte?

"Strawinsky und Cocteau wollten eigentlich ein Maskentheater haben", erklärt Jenisch. "Das fordern sie auch in ihrem Vorwort: dass die Sänger nur Köpfe und Arme bewegen und ansonsten ins Bühnenbild integriert werden sollen wie ein Basrelief." Und für das Statuarische seien Puppen ja prädestiniert. "Zum anderen ist der Grundgedanke der griechischen Tragödie insofern fürs Puppentheater unglaublich interessant, als sie nie Abbild sein will, sondern nur Sinnbild - was in die jeweilige Gegenwart hineinreicht. Mit der Oper in der Kürze ist das eine wunderbare Kombination: dramaturgisch, inhaltlich, auch philosophisch. Weil die antike Philosophie die Puppe immer als Beispiel für den Menschen in der Hand der Götter gesehen hat."

Ein antiker Mythos, vorgetragen in lateinischer Sprache, wird also nun auch noch in die Abstraktheit von kubistischen Masken-, Stab- und Schattenfiguren übersetzt. Doch Jenisch findet nicht, dass dies den Zuschauer vor neue Rätsel stellt. Im Gegenteil: "Man darf nie vergessen, dass Strawinsky und Cocteau in der kleinen Oper wirklich fantastisch raffiniert waren, was das Dramaturgische angeht. Es war ja ihre Absicht, eine nicht mehr gesprochene Sprache für ein Stück Musik zu verwenden, damit die Sprache nur noch Lautmaterial wird. Aber Cocteau hat noch den wunderbaren Schachzug gemacht, dass er zwischen die Szenen einen Sprecher eingebaut hat, der in äußerst salopper Form aus der Sicht eines Heutigen die Handlung kommentiert und von Szene zu Szene führt."

Und das im wahrsten Wortsinn, denn Wolf Euba, der diesen Part übernimmt, wird durch den riesigen Festsaal wandeln wie durch eine Glyptothek. Im Angesicht der großen, geheimnisvollen Figuren, welche die gesamte Länge des Saals auf einem Podest bespielen oder als Lichtgespinste wundersame Schatten werfen, assoziiert er die Geschichte. Dazu spielt eine Aufnahme des Bayerischen Rundfunkorchesters von 1983.

Neben den professionellen Puppenspielern Georg Jenisch, Monika Strobl und Birgit Gottschalk führen neun Schülerinnen des Münchner Pestalozzi-Gymnasiums die zahlreichen, ein bis drei Meter hohen Puppen teilweise zu zweit oder zu dritt. "Ich war sehr gespannt und wurde aufs Glücklichste überrascht", freut sich Jenisch, "weil die Schüler mit einem unglaublichen Feuer dabei sind". Auch die Figuren in ihrem Eigenleben? "Der Oedipus ist bei Strawinsky einen Tick eitler, wehleidiger und stolzer als bei Sophokles oder Seneca: eine ganz schwierige Mischung." Wenn diese Mischung aus Blattgold und Fantasie am Freitag aufgeht, hat Georg Jenisch sich einen langjährigen Wunsch erfüllt.

Informationen:

25. - 27. Juli, 19 Uhr; Karten: Telefon 089/ 59 91 84 25.

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