Im Ohr der Menschen

- 1983 in München geboren, gehört sie heute zu den großen Geigenvirtuosen der Welt. Bereits mit drei Jahren begann Julia Fischer, Violine zu spielen, im Alter von neun wurde die Künstlerin als Geigenstudentin an der Münchner Musikhochschule aufgenommen. Zu den wichtigsten Stationen ihrer Karriere gehören erste Preise wie beim Yehudi-Menuhin-Wettbewerb 1995 oder der "Prix d'espoir" 1997 der Stiftung der Europäischen Industrie.

<P>Trotz der zeit- und energieraubenden Anforderungen des Konzertbetriebs hat Julia Fischer 2002 ihr Abitur abgelegt und ist jetzt im dritten Semester als ordentliche Studentin an der Münchner Musikhochschule eingeschrieben. Mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Herbert Blomstedt spielt sie morgen Abend in der Philharmonie das Violinkonzert a-moll von Antonin Dvorák.</P><P>Was lernt eine international etablierte Spitzenkünstlerin wie Sie noch an der Musikhochschule? </P><P>Fischer: Einiges. Bei aller praktischen Musikausübung habe ich ja vieles, was Musiktheorie angeht, noch nie im Leben gehabt - zum Beispiel Kadenzen zu schreiben, einen Generalbass auszusetzen, irgendwann auch mal eine Fuge zu komponieren. Ein wichtiges Motiv für das Studium war aber auch, weiter Unterricht bei Ana Chumachenko nehmen zu können. </P><P>Was ist an dieser Ausbildung für Sie so wichtig? </P><P>Fischer: Ana Chumachenko ist deshalb eine so herausragende Lehrerin, weil sie ihre Studenten nicht zu einem Produkt ihrer Vorstellung macht, sondern ihnen hilft, ihre eigene Persönlichkeit zu finden; sie weiß, was ein Künstler individuell braucht, um seinen Beruf auszuüben. Und wenn man so viel konzertiert wie ich, dann ist man in Gefahr, dass sich kleinste Fehler einschleichen. Ana Chumachenko merkt das, schon bevor es passiert, und bewahrt einen davor, sich so etwas anzugewöhnen.</P><P>Ihr Repertoire ist immens - abgesehen vom zweiten Prokofieff-Konzert und dem zweiten Violinkonzert von Schostakowitsch haben Sie schon jetzt praktisch alle großen Konzerte der klassisch-romantischen Tradition einstudiert. Gibt es da für Sie noch musikalisches Neuland? </P><P>Fischer: Aber natürlich. Als Jugendliche musste ich erst einmal meinen romantischen Durst stillen, Brahms, Tschaikowsky, Dvorá´k und so weiter. Während der Kollegstufe habe ich endlich das Alban-Berg-Konzert einstudiert, das bis dahin der Horror für mich war; gleichzeitig las ich in Deutsch Franz Kafkas Roman "Das Schloss" und in Französisch "Madame Bovary". Sie können sich vorstellen, dass ich mich da manchmal etwas depressiv gefühlt habe! Aber im Ernst: In der Musik des 20. Jahrhunderts gibt es noch viel Interessantes. Zum Beispiel brenne ich darauf, das Konzert von Busoni kennen zu lernen. Und dann gibt es ja so viele Werke in der Kammermusik, für Violine und Klavier, Trio; ich spiele unheimlich gerne Klavierquintett, da ist das Repertoire einfach unerschöpflich.<BR><BR>Was ist die besondere Herausforderung an der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Musik?</P><P>Fischer: Technisch ist sie auch nicht schwerer als die des 18. oder 19. Jahrhunderts. Ich glaube, dass die Musik des 20. Jahrhunderts viele deswegen ein bisschen abschreckt, weil sie einfach nicht im Ohr der Leute ist. Wer sich einigermaßen für Musik interessiert, hört das Brahms-Konzert mit sechs zum ersten Mal im Radio. Für zeitgenössische Musik trifft das nicht zu. Da gibt es keine festgefahrenen Interpretationen - was aber auch ein Vorteil sein kann. Für mich war in dem Zusammenhang ein Schlüsselerlebnis die Zusammenarbeit mit Lorin Maazel, als ich seine Musik für Violine und Orchester einstudierte. Im Gespräch mit ihm ist mir vieles von Inhalten und Beweggründen moderner Musik klar geworden.</P><P>Und dann geht da auch noch das Gerücht um, dass Sie anfangen wollen, Violoncello zu spielen . . .</P><P>Fischer: Da ist schon was dran. Der arme Daniel Müller-Schott tut mir schon ganz Leid. Jedes Mal wenn wir gemeinsam proben, bitte ich ihn erst mal um sein Cello, um etwas zu üben. Ich kann schon etwa die fünf ersten Takte vom Haydn-Konzert C-Dur . . . Aber nein, ohne Spaß, es bleibt bei der Geige und ein bisschen Klavier, keine Sorge.</P><P> <BR></P>

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