Den Menschen in die Augen schauen

- "Erfolg ist keine leichte Sache. Für mich ist entscheidend, dass ich natürlich geblieben bin, dass ich so bin, wie ich früher war, nur reifer." Vesselina Kasarova, schön und souverän, ist eine der interessantesten Erscheinungen im internationalen Opernbetrieb. Die bulgarische Mezzosopranistin aus der Schweiz - zuletzt an der Bayerischen Staatsoper Glucks Orpheus - hat im Rahmen der Münchner Opernfestspiele am kommenden Sonntag Premiere im Prinzregententheater: "Alcina" von Georg Friedrich Händel.

"Mit jedem Jahr fühle ich mich besser. Jetzt bin ich wirklich so, wie ich bin." Vesselina Kasarova

Ein Märchen, eine Zauberoper, in der Insel-Herrscherin Alcina (Anja Harteros) ihre Liebhaber in Steine, Pflanzen, wilde Tiere verwandelt und deren Opfer nun der junge Ruggiero (Vesselina Kasarova) ist. Regie bei dieser fantastischen Barockoper führt Christof Loy, es dirigiert Ivor Bolton.Für Vesselina Kasarova ist die Partie des Ruggiero nicht neu: "Ich habe ihn schon in zwei anderen Inszenierungen gesungen - in Barcelona und in Paris." Was aber nicht bedeutet, dass es hier nun lediglich zu einem Aufguss des Gehabten kommt. "Der Charakter der Rolle ändert sich von Inszenierung zu Inszenierung. Ich will ja nicht jedes Mal das Gleiche machen. Wenn man kritisch mit sich selber ist, sucht man doch immer etwas Neues. Sonst wären ja die ganzen langen Proben umsonst."Es sind vor allem die Hosenrollen, die es Vesselina Kasarova angetan haben beziehungsweise in denen sie es den Zuschauern angetan hat. "Viele denken, ich bin androgyn. Aber Bühne ist Bühne und niemals das Leben." Natürlich haben die von ihr gesungenen Jungmänner-Partien etwas Prickelndes. Und Kasarova fragt sich selbst: "Warum faszinieren die mich so? Sie haben etwas Erotisches, Elegantes, Feminines. All diese Männer sind keine Machos, haben nichts Hartes, sind gefühlvoll. Das liegt auch in der Musik. Man kann so gut die verschiedenen Facetten herausbringen. Und außerdem ist es Schauspielerei. Dass ich mich bewege wie ein Mann, das kommt aus der Fantasie."Liegt der Reiz dieser Figuren auch im Rollentausch der Geschlechter? Kasarova: "Früher war das ganz bestimmt der Fall. Aber heute ist Homosexualität kein Tabu mehr. Ich liebe Männer, aber ich habe Verständnis für Menschen, die unsere Situation als nicht normal empfinden. Ich denke, jeder soll leben, wie er will."Das Handlungsmuster von "Alcina" findet man ähnlich in den Märchen dieser Welt, auch in den bulgarischen. Und die Sängerin gerät ins Schwärmen. "Aber ich schätze vor allem die tschechischen Märchenfilme", die sie sich nur zu gern zusammen mit ihrem sechsjährigen Sohn anschaut. Vorausgesetzt, sie hat Zeit dafür; denn Vesselina Kasarova befindet sich auf dem Hochplateau ihrer Karriere."Am 18. Juli", einen Tag nach der "Alcina"-Premiere, "werde ich 40. Mit jedem Jahr, das dazu kommt, fühle ich mich besser. Jetzt bin ich wirklich so, wie ich bin. Ich traue mich mehr, habe Selbstbewusstsein, mach' keine Kompromisse mit mir. Ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich tu'. Ich finde, viele Sänger erreichen sehr viel und wollen doch immer noch mehr und mehr. Aber es gibt nicht mehr. Der Mensch soll genießen, was er hat. Er sollte sich kümmern, das Niveau zu halten. Das ist schwer genug."Womit wir bei jenem Rummel wären, der um manche Sänger gemacht wird bei der totalen Vermarktung junger Künstler. Diese Begehrlichkeiten einer PR-Maschinerie sind nicht neu. Kasarova: "Sie haben's mit jeder von uns versucht. Mit mir auch. Aber ich kann mich dagegen schützen. Man muss wissen, wo die Grenzen sind. Man darf nicht jeden Zirkus mitmachen. Wir sind Künstler und keine Fotomodelle. Hübsch und jung - dieses Image dreht sich irgendwann wie ein Bumerang gegen einen selbst. Man darf sich nicht zu sehr anpassen, sich nicht billig auf der Bühne verkaufen. Das hilft höchstens am Anfang. Egal zu welcher Zeit: Überlebt haben in unserer Branche nur die Persönlichkeiten. Und Persönlichkeit heißt Individualität.""Wir sind Künstler und keine Fotomodelle." Vesselina Kasarova

Ob sie eine Traumpartie habe, verneint die Sängerin. "Es gibt keine Partie, von der ich sagen würde, ohne die könnte ich nicht leben. Ich habe keine Defizite. Was ich aber definitiv weiß: Ich möchte so lang wie möglich die lyrischen Partien behalten. Irgendwann geht es sowieso in Richtung dramatisches Fach." 2008 gibt's schon mal einen Abstecher dorthin: "Da mache ich meine erste Carmen, in Zürich, unter Welser-Möst. Ich möchte sie sehr gern singen, aber ich glaube nicht, dass ich danach sagen werde: Das ist meine Partie.""Arroganz ist nicht angesagt", bescheidet sich Vesselina Kasarova. Und: "Wenn man nur an sich denkt, ist das schrecklich." Die wichtigste Eigenschaft in diesem Beruf ist für sie die Disziplin, das heißt, Rücksicht auf andere. "Anders geht es nicht auf der Bühne. Da kommt alles zusammen, da muss man alles im Griff haben, das ist wie Mathematik."Das Einzige, was sie sich leistet, ist, wie sie gesteht, auch ihre große Schwäche: "Ich gucke gerne nach unten. Besonders bei Liederabenden. Ich liebe es, die Menschen zu beobachten. Wenn ich nach der Vorstellung Autogramme gebe, weiß ich manchmal, wo die- oder derjenige gesessen hat. Es ist mir sehr wichtig, den Menschen in die Augen zu schauen."

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